Aktuelles vom 14.1.2019 und: „Gelbwesten“-Wut erreicht Großbritannien und: Geschwister Scholl, heute bereits wieder ein Fall für den Staatsschutz?

Streitfall: Militärische Forschung an deutschen Unis
Zu Wochenbeginn berichteten wir über den Aufbau einer deutschen Zelle des britischen Propaganda-Programms „Integrity Initiative“, das maßgeblich vom britischen Außenministerium und der NATO finanziert wird und die öffentliche Diskussion pro NATO, pro Militär und vor allem gegen Russland beeinflussen soll. Dieser Bericht blieb nicht unbeachtet. Der Leiter der Kieler Instituts für Sicherheitspolitik (ISPK) – der ebenfalls zum Umfeld der Integrity Initiative zählt – nahm einen verbalen Rundumschlag vor – unser Artikel sei demnach eine „russische Desinformationskampagne gegen ein wissenschaftliches Projekt zur Analyse russischer Desinformationspolitik“. Außerdem sei sein Institut weder direkt noch indirekt vom Verteidigungsministerium oder der Rüstungsindustrie finanziert. Absurd. Von Jens Berger.
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Für die „nationale Sicherheit“: US-Unternehmen sollen Seltene Erden in Afghanistan ausbeuten
17 Jahre dauert der Krieg bereits und neue Berichte legen nicht nahe, dass er bald endet. Nach einem Treffen Trumps mit seinem afghanischen Amtskollegen sollen US-Unternehmen nun planen, die enormen Vorkommen an Seltenen Erden in Afghanistan zu „entwickeln“.
US-Unternehmen planen, eine größere Rolle bei der Gewinnung der enormen Vorkommen an wertvollen Seltenen Erden zu spielen, berichteteReuters, nachdem US-Präsident Donald Trump am Donnerstag seinen afghanischen Amtskollegen Ashraf Ghani getroffen hatte…
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„Gelbwesten“-Wut erreicht Großbritannien
Proteste der französischen „Gelbwesten“ gehen trotz Macrons Zugeständnissen weiter. In Paris und andernorts demonstrieren Zehntausende gegen die Regierung. Und ihre Wut scheint auch den Ärmelkanal überquert zu haben.
Nach dem Vorbild der französischen „Gelbwesten“-Bewegung haben Tausende Demonstranten in London gegen die britische Regierung demonstriert. Sie forderten angesichts des Brexits ein Ende der Sparpolitik und eine Neuwahl. Dem Aufruf der Kampagne „The People’s Assembly Against Austerity“ folgten auch Politiker und Gewerkschafter aus weiten Teilen des Landes. Etwa 5000 bis 10.000 Demonstranten hätten teilgenommen, sagte eine Sprecherin der Veranstalter. Auch Vertreter der „Gelbwesten“-Bewegung aus Frankreich nahmen an der Demonstration in London teil. „Alle europäischen Länder sollten sich diesem Kampf gegen die Sparpolitik anschließen“, sagte ein Teilnehmer aus Frankreich der britischen Nachrichtenagentur PA.
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…dazu auch auf den Punkt gebracht:

Weiße Rose | Zitate … [Wikiquote]:
„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen.“ — Im I. Flugblatt der Weißen Rose
„Vergeßt nicht, daß ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt!“ — Im I. Flugblatt der Weißen Rose
„Goethe spricht von den Deutschen als einem tragischen Volke, gleich dem der Juden und Griechen, aber heute hat es eher den Anschein, als sei es eine seichte, willenlose Herde von Mitläufern, denen das Mark aus dem Innersten gesogen und die nun ihres Kerns beraubt, bereit sind, sich in den Untergang hetzen zu lassen.“ — Im I. Flugblatt der Weißen Rose
Die „Weiße Rose“, Geschwister Scholl, heute bereits wieder ein Fall für den Staatsschutz
Deutsch Absurdistan: Wie stolz sind wir doch immer wieder auf die wenigen Menschen, die es wagten, im Dritten Reich dem System die Stirn zu bieten. Was damals Verräter, Wehrkraftzersetzer und Volksschädlinge waren, sind zumindest heute für uns posthume Helden. Damals mochte sich niemand mit ihnen solidarisieren, zu groß die Gefahr, ähnlich wie die Geschwister Scholl, im Nu selbst einen Kopf kürzer und mausetot zu sein. Aber irgend etwas stört gerade in der heutigen Zeit, so zu Beginn des neuen Jahrtausends. Ist in einem ach so aufgeklärten Deutschland, dieses verklärte Bild der posthumen Selbstgerechtigkeit noch angesagt?
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Selten, dass ein Journalist der „Massenmedien“ meinen Nerv trifft, aber Heribert Prantel von der Süddeutschen hat es – wie auch hier – schon mehrfach geschafft. Vielleicht geht es Euch ja ähnlich wie mir:
BGE jetzt! Arbeit+Soziales
Der NDR Info Wochenkommentar „Die Meinung“ von Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ und Leiter des Ressorts Meinung
Die sechs Millionen Menschen in Deutschland, die von Hartz IV leben müssen, werden oft als „sozial schwach“ bezeichnet. Die Bezeichnung ist in dieser Pauschalität eine Beleidigung. Jemand, der keine Arbeit hat, aber eine will und partout keine kriegt und der deshalb jeden Euro dreimal umdrehen muss, der ist arm, aber nicht sozial schwach. Sozial schwach ist allerdings ein Staat, der nicht alles tut, um die Menschen aus der Armut herauszuholen. Und sozial schwach ist der Staat, der den Hilfebedürftigen nicht die Hilfe gibt, die sie brauchen.
Bei denjenigen, die von Hartz IV nicht betroffen sind, gilt es als ein gutes Gesetz – weil es der angeblichen Vollkasko-Mentalität der betroffenen Menschen entgegenwirkt; weil es als ein Gesetz wahrgenommen wird, das Arbeitslose zu aktivieren versucht und weil das Gesetz sie zwingt, lieber irgendwas Halbsinnloses zu tun als gar nichts. Die Sozialleistung wird so zur Belohnung für ein marktkonformes Verhalten.
Mit Hartz IV haben Elemente des Strafrechts ins Sozialrecht Einzug gehalten. Wie ist das in einem Sozialstaat möglich? Das liegt daran, dass von der sogenannten guten Gesellschaft auf die sogenannten Hartzer heruntergeschaut wird, als handle es sich im Wesentlichen um Missbraucher; der Missbrauch soll bestraft werden.
Gewiss: Es gibt solche Missbraucher – als kleine Minderheit der Leistungsempfänger. Das Gros aber kämpft um Arbeit, Anerkennung und den Respekt der Gesellschaft. Hartz IV macht ihnen das schwer: Es ist ein schikanöses Gesetz, das die Behörden zu Verwaltungsexzessen zwingt und die Lebensleistung auch der Menschen missachtet, die einen Großteil ihres Lebens gearbeitet haben und dann von Arbeitslosigkeit erwischt wurden. Sie alle werden von Hartz IV entmündigt.
Der Sanktionsparagraf 31 des Sozialgesetzbuchs II ist Kern und Zentrum des gesamten Hartz-Gesetzes; es ist dies der ärgste Paragraf und offenbar der wichtigste: Wie kann man die Hartz-IV-Empfänger zwiebeln? Der Paragraf behandelt die Leute als potenzielle Faulpelze, denen man die Faulpelzerei auf Schritt und Tritt austreiben muss. Die schwarze Pädagogik, in der Kindererziehung verpönt, hat Hartz IV also bei erwachsenen Menschen wieder eingeführt. Hartz IV macht den Bürger, wenn er arm ist, zum Untertan. Das darf nicht sein. Das Bundesverfassungsgericht muss diesen unguten staatlichen Paternalismus beenden.
Ausführlicher im Bericht . . .
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Es war einmal … Ein Märchen von Menschenrechten in Deutschland
Über kaum ein anderes Thema wurde ein ganzes Jahrzehnt so kontrovers geschrieben, gesprochen, diskutiert und gestritten wie über die Sanktions-Paragraphen für Arbeitslosengeldempfänger. Dabei stehen sich die Gegner der Sanktionen – zumeist aus der Zivilgesellschaft – und Sanktionsbefürworter – in der Regel Vertreter aus Politik und Wirtschaft – unversöhnlich gegenüber. Zeit für klare Worte. Von Lutz Hausstein.
Es war einmal … Die zwölf faulen Knechte
Schon vor sechs Jahren habe ich mich in einem Artikel auf den NachDenkSeiten mit der Frage der Sanktionen sehr detailliert auseinandergesetzt. Darin beschrieb ich die Absurdität einer größeren Anzahl der den Sanktionen zugrunde liegenden „Vergehen“ der Betroffenen und widmete mich im zweiten Teil des Artikels der generellen Rechtmäßigkeit von Sanktionen. Um schlussendlich feststellen zu müssen, dass jegliche Sanktion, unabhängig von ihrer Höhe, verfassungswidrig ist. Aufgrund der Plausibilität dieser Darlegungen befand ich mich in dem folgenschweren Irrtum, dass eine nüchtern-sachliche Beschreibung das aberwitzige Gedankengebäude, auf welches die Logik von Sanktionen aufgebaut ist, zum Einsturz bringen müsse. Mehr als sechs Jahre und Millionen von Sanktionen später bleibt festzuhalten, dass diese Vorstellung trog. Bis zum heutigen Tage ignorieren handelnde Politiker ebenso wie meinungsbildende Medien diese Tatsachen und wiederholen die immer gleichen Phrasen, die sie als Argument deklarieren. Und so erscheint es nunmehr notwendig, mit deutlicheren Worten das menschenverachtende Prinzip der Sanktionen zu illustrieren.
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Größer, schneller, weiter: Wachstum und soziale Arbeit als Widerspruch in sich
Die Versprechen, Wachstum sei das Allheilmittel zur Aufrechterhaltung unseres Wohlstandes, ist auf lange Sicht unmöglich einzuhalten. Sagen die Kritiker dauerhaften Wachstums. Schließlich seien die natürlichen Ressourcen irgendwann verbraucht, spätestens zu diesem Zeitpunkt sei das Ende des Wachstums erreicht. Doch das stimmt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht*. Besser macht das die Lage aber auch nicht, insbesondere für Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten. Denn die tragen zum Wachstum nur indirekt bei. Doch das größte Problem ist ihre fehlende Produktivität…
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dazu auch:

…immer sinnlosere Bullshit-Jobs – Eine Gesellschaft unter Folter
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🙂 Gute Vorsätze:

🙂 Wetterdienst gibt Entwarnung: Derzeit keine Waldbrandgefahr für Deutschland
Offenbach (dpo) – Das ist doch mal beruhigend! Wie der Deutsche Wetterdienst heute bekanntgab, liegt die Waldbrandgefahr in diesen Tagen bundesweit bei hervorragenden 0,0 Prozent. Selbst beim Grillen oder Rauchen in Waldgebieten muss man derzeit keine besondere Vorsicht walten lassen…
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Wesentliches:

Ich-Erkenntnis – Wahrnehmung des anderen Menschen

„In diesen Betrachtungen habe ich Ihnen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus davon gesprochen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Aufnahme geisteswissenschaftlicher Erkenntnis und zwischen dem sozialen Verständnis, welches sich immer mehr und mehr verbreiten soll unter der Menschheit. Es wird Ihnen wahrscheinlich das Bedürfnis entstanden sein, gründlicher noch die Frage aufzuwerfen: Wie ist denn das innere Verhältnis der Beziehungen der Menschen, die wir sozial nennen, zu dem, was als Empfinden in uns sich ausbilden kann dadurch, dass wir allmählich uns einleben in geisteswissenschaftliche Vorstellungen? – Die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen zeigen uns ja zunächst ein gewisses inneres Seelengestimmtsein dadurch, dass sie uns begreiflich machen dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben zwar erlebt, aber eigentlich als das Unbegreiflichste empfinden muss: das menschliche Schicksal. Dieses menschliche Schicksal wird von einem gewissen Gesichtspunkte aus begreiflich dadurch, dass man das Gesetz von den wiederholten Erdenleben und ihrem Zusammenhange kennenlernt, das Gesetz vom Karma. Man lernt kennen, wie ein Erdenleben, das wir antreten und absolvieren, abhängig ist von unseren früheren Erdenleben. Wir haben ja auch schon gesprochen von den Kräften, die
aus einem Erdenleben in das andere herüberspielen, und haben daraus gesehen, wie gewissermaßen die kosmische Technik des Schicksalsgestaltens ist.
Nun empfinden Sie es ja alle, dass heute der Mensch, wenn er keine höheren Erkenntnisse erringt, nur dunkel ahnen kann, wie sein Schicksal durch die Gesetze der aufeinanderfolgenden Erdenleben sich gestaltet. Dasjenige, was wir als das Karma bezeichnen, ist ja etwas, was theoretisch verhältnismäßig leicht heute begriffen werden kann. Sie können das ersehen aus der letzten Auflage meiner «Theosophie», in der ja das betreffende Kapitel über das Karma umgestaltet ist. Aber jenes wirkliche Sehen des Lebens, von dem ich gestern gesprochen habe, jenes einfache, durch Vorurteil und Voranschauung nicht getrübte Anschauen des Lebens, welches sofort enthüllen würde das Schicksalsgesetz, das haben ja heute noch die wenigsten Menschen. Würden die Menschen das, was im Leben vorgeht, tatsächlich so sehen, wie ich gestern von dem einfachen, unvoreingenommenen Sehen gesprochen habe, dann würde der gesunde Menschenverstand von dem Schicksalsgesetz sprechen im Sinne der Geisteswissenschaft. Aber das ist eben für die meisten Menschen heute noch nicht der Fall. Vor allen Dingen ist für die meisten Menschen wegen des mangelnden einfachen Sehens nicht durchsichtig, in welcher Art das Ich-Bewusstsein in der Seele lebt. Es gibt ja sogar heute Philosophen, welche von dem Ich-Bewusstsein so sprechen, als ob dieses Ich-Bewusstsein das Allergewisseste wäre, gewissermaßen das Allerrealste wäre. Man kann sagen, das ist ebenso wahr auf der einen Seite, wie es einseitig, ja fast unrichtig auf der anderen Seite ist. Denn, wie nehmen wir eigentlich unser menschliches Ich wahr?
Sie haben ja gestern in Bezug auf das Innenleben erfahren, wie das Gedankenleben eigentlich nur der Abglanz des vorgeburtlichen Lebens ist, wie das Willensleben das Embryonale, das Keimhafte des nachtodlichen Lebens ist, wie also dasjenige, was in unserer Seele spielt, im Grunde genommen durchaus nicht haftet an demjenigen, was uns als Leib umhüllt von der Geburt bis zum Tode, und wie unser außerleibliches, ja außerzeitliches Sein hereinspielt in unser Denken auf der einen Seite, in unser Wollen auf der anderen Seite. Sie wissen aber auch, wie wir auf unser Leben zurückblicken und die Empfindung haben, dass wir den geschlossenen Lebenslauf als Erinnerung hinter uns haben. Wir können sehr leicht als Menschen die Vorstellung bekommen: Wir haben den Lebenslauf bewusst durchmessen und im Gedächtnis aufbewahrt von demjenigen Zeitpunkte an, bis zu dem wir uns zurückerinnern. Es kommt dem Menschen vor, dass, wenn hier (siehe Zeichnung) der Moment der Gegenwart ist, er sich zurückerinnert bis zu dem Moment in der Kindheit, bis zu dem er sich eben erinnert. Sie sehen leicht ein, dass dies ein gewaltiger Irrtum ist. Wenn Sie Ihr Leben zurückverfolgen bis zu dem Moment, bis zu dem Sie sich in Ihrer Kindheit zurückerinnern, und dies ansehen als eine geschlossene Strömung, so ist das natürlich total falsch, denn Sie nehmen ja bei einer solchen Rückerinnerung in Wirklichkeit zunächst nur wahr die Tagesereignisse des letzten Tages, an dem Sie die Rückschau anstellen; dann ist die Nacht dazwischen, dann wiederum der vorhergehende Tag, dann wiederum die Nacht, in der Sie nichts wahrnehmen, dann wiederum der vorhergehende Tag und so weiter.
Also es ist eine gewaltige Lebensillusion, wenn Sie einfach übersehen, dass ja diese Rückerinnerung, diese bewusste Rückerinnerung, Ihnen keine geschlossene Strömung gibt, sondern in Wirklichkeit eine fortwährend unterbrochene Strömung gibt, indem ausgespart sind aus dieser Rückerinnerung alle die Zeiten, die Sie verschlafen haben. Also Sie haben nicht eine kontinuierliche Rückerinnerungslinie, sondern eine diskontinuierliche Rückerinnerungslinie, eine fortwährend unterbrochene Rückerinnerungslinie.
Nun möchte ich, damit ich Ihnen die Bedeutung dessen, was ich eigentlich hier sagen will, klarmachen kann, Ihnen ein Bild vermitteln. Nehmen Sie einmal an, Sie haben folgendes Bild: eine weiße Scheibe und innerhalb dieser Scheibe einen dunklen Fleck. Sie können nun fragen: Was nehme ich hier wahr? – Die weiße Scheibe. Da, wo kein Weiß ist, da sehen Sie den schwarzen Fleck. Ich will jetzt nicht darüber diskutieren, ob der schwarze Fleck ein Reales ist oder nur das Fehlen des Weißen. Aber Sie sehen diesen schwarzen Fleck. Sie sehen, dieser schwarze Fleck ist dort, wo kein Weiß ist, in der weißen Scheibe drinnen. Nehmen Sie dieses Bild, so können Sie es anwenden auf die Art, wie Sie im gewöhnlichen Leben eigentlich Ihr Ich wahrnehmen. So wenig Sie hier (in der Mitte) etwas wahrnehmen, wo der schwarze Fleck ist, so wenig nehmen Sie eigentlich Ihr Ich wahr. Sie nehmen Ihr Ich gar nicht wahr, sondern Sie nehmen Ihre Erlebnisse wahr, die Sie während Ihrer verschiedenen Tagwachen durchgemacht haben. Und Ihr Ich nehmen Sie überhaupt nicht wahr; bloß dadurch, dass irgendwo, wenn Sie Ihre Erlebnisse überblicken, Ihre Erlebnisse nicht da sind, wie hier im schwarzen Fleck kein Weiß ist, nehmen Sie Ihr Ich wahr. Indem Sie zurückschauen auf Ihr Leben, nehmen Sie die Erlebnisse wahr, und Sie nehmen nicht wahr diese Unterbrechungen. Dafür nehmen Sie Ihr Ich wahr. Es ist also das Fehlen der Tageserlebnisse, das Ihnen in Wirklichkeit die Vorstellung Ihres Ich gibt, das heißt, indem Sie «Ich» sagen, nehmen Sie diejenige Zeit Ihres Lebens wahr, die Sie verschlafen haben.
In der Tat, das Ausgesparte im Leben, wenn Sie zurückblicken, ist die Veranlassung zu Ihrer Ich-Wahrnehmung. Nehmen Sie an, Sie würden gar nicht schlafen, Sie würden immer wachen, dann würden Sie keine Ich-Wahrnehmung beim Rückblick haben. Sie würden sich vorkommen wie ein Wesen, das ichlos schwimmt in den Ereignissen des Weltendaseins.
Es ist außerordentlich bedeutsam, diese Dinge einfach zu sehen. Denn jeder Mensch glaubt, die Wahrnehmung des Ich sei ein Erlebnis. Nein, die Wahrnehmung des Ich ist das jeweilige Loch in den Erlebnissen. Das bitte ich Sie zunächst festzuhalten.
Und nun bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, wie ich Ihnen immer und immer wiederum gesagt habe, dass der Mensch nicht nur schläft, wenn er schläft, sondern dass der Mensch auch schläft, wenn er wacht. Der Mensch wacht ja eigentlich nur mit Bezug auf seine Sinnes- und Vorstellungswelt. Nur in seinen Sinneswahrnehmungen und in seinen Vorstellungen ist der Mensch wirklich wach. In Bezug auf sein Wollen schläft er. Geradesowenig wie der Mensch hineinsieht in das, was er vollbringt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, so wenig sieht er in die inneren Impulse seines Wollens hinein. Ich habe gestern davon gesprochen, wie der «Kerl» oder die «Kerlin» sich anschauen in ihren Handlungen, aber das Wollen nicht sehen. Mit Bezug auf das Wollen schläft der Mensch. Er schläft auch bei Tage, indem er ein wollender Mensch ist. Er wacht nur, indem er ein sinnlich wahrnehmender und verstandesmäßig Begriffe, Vorstellungen bildender Mensch ist. Er ist nur halb wach; für den anderen, für den wollenden Teil seines Wesens schläft der Mensch auch wachend.
Und nun werden Sie begreifen, wie es sich eigentlich mit dem Ich verhält. Das geht gar nicht herein als ein reales Wesen in Ihre Sinneswahrnehmungen und in Ihre Vorstellungen, sondern das bleibt im Wollen unten und schläft da weiter auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Deshalb können Sie es als ein reales Wesen nie sehen, sondern nur als den ausgesparten Kreis in der Mitte. Sie können das dunkle Gefühl haben, dass Sie ein Ich haben, indem aus dem Wollen heraus Ihnen etwas erklingt von dem, was Sie wie ein Loch in Ihren Seelenerlebnissen haben. Aber die Wahrnehmung des Ich ist eben eine durchaus negative. Das ist außerordentlich wichtig einzusehen. Es ist notwendig, dass jene oberflächliche Ich-Vorstellung, die auch in vielen Philosophien der Neuzeit figuriert, in ihrer Nichtigkeit erkannt werde. Denn erst, wenn man diesen ganzen Tatbestand, den ich hier Ihnen auseinandergesetzt habe, durchschaut, wird man verstehen, innerlich verstehen das Verhältnis von Mensch zu Mensch im Leben.
Ich habe dieses Verhältnis von Mensch zu Mensch im Leben in der neuen Auflage meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert in einer jener Erweiterungen, die ich dem Buche in der neuen Auflage eingefügt habe [siehe „Erster Anhang, Zusatz zur Neuauflage“, ab S. 258]. Wir nehmen nicht nur, wie ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, unser eigenes Ich, allerdings negativ, wahr, sondern wir nehmen auch das Ich des anderen Menschen wahr. Wir könnten es nicht wahrnehmen, wenn das Ich in unserem eigenen Bewusstsein wäre. Wäre das Ich in unserem eigenen Bewusstsein, dann wäre das Verhältnis von Mensch zu Mensch ein recht fatales; dann würden wir durch die Welt gehen und nur immer in unserem Bewusstsein innerhalb unserer Sinnes- und Vorstellungswelt Ich, Ich, Ich haben. Wir würden an den anderen Menschen vorbeigehen und sie nur als Schatten empfinden, und würden uns wundern, wenn wir die Hand ausstrecken, dass diese Schatten unsere Hand aufhalten. Wir würden uns das gar nicht erklären können, woher das kommt, dass wir nicht durch einen Menschen durchgreifen können. Das alles würde bewirken die Tatsache, dass wir das Ich substantiell, nicht bloß als Vorstellung eines Negativums in unseren Vorstellungen und in unserem Sinnesleben darinnen hätten. Wir haben es nicht darin. Wir haben es nur in unserem Wollen und in dem Gefühl, das aus dem Wollen ausstrahlt. Da ist das Ich eigentlich darin, aber nicht im Vorstellungs- und nicht im Sinnesleben unmittelbar.
Wenn wir nun den anderen Menschen wahrnehmen, so nehmen wir ihn eigentlich durch unser Wollen wahr. Es ist ja die hirnverbrannte Vorstellung heute gar nicht so selten unter solchen Menschen, die sich als Philosophen dünken, die da sagt: Wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, so finden wir so ein Formgebilde: oben sind Haare, dann kommt eine Stirne, dann ist da eine Nase, ein Mund und so weiter. Wir haben uns öfter im Spiegel gesehen; da schauen wir geradeso aus wie der, der vor uns steht. Und da wir ein Ich haben, schließen wir durch Analogie, dass der andere auch ein Ich hat. – Das ist eine hirnverbrannte Vorstellung, ein wirklicher, richtiger Unsinn! Denn wir nehmen das Ich des anderen tatsächlich ebenso wahr wie unser eigenes Ich, wenn auch als Negativum. Und gerade deshalb, weil unser Ich nicht in unserem Bewusstsein, sondern außerhalb unseres Bewusstseins ist, wie das Wollen auch, deshalb können wir uns in das Ich des anderen versetzen. Wäre das Ich in unserem Bewusstsein, so würden wir uns nicht in das Ich des anderen versetzen können und würden ihn nur wie in einem Schattendasein wahrnehmen. Und wie geschieht diese Wahrnehmung des anderen? Da findet etwas wie ein sehr komplizierter Prozess statt, wenn wir den anderen wahrnehmen. Wir stehen ihm gegenüber: er nimmt gewissermaßen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und schläfert uns für einen ganz kurzen Augenblick ein. Er hypnotisiert uns, er schläfert uns ein für einen Augenblick. Unser Menschheitsgefühl wird dadurch tatsächlich für einen ganz kurzen Augenblick wie in Schlaf versetzt. Wir wehren uns dagegen und machen unsere Persönlichkeit geltend. Das ist nun wie der Pendelausschlag: Schlafen in dem anderen, Aufwachen in uns selbst, wiederum dadurch Schlafen in dem anderen, Aufwachen in uns selbst. Und dieser komplizierte Prozess des Hin- und Herpendelns zwischen dem Einschlafen in dem anderen und Aufwachen in uns selbst, der findet in uns statt, wenn wir dem anderen gegenüberstehen. Das ist ein Vorgang in unserem Wollen. Wir nehmen ihn nur nicht wahr, weil wir unser Wollen gar nicht wahrnehmen. Aber dieses fortwährende Hin- und Hervibrieren, das findet statt, wie es in meiner «Philosophie der Freiheit» beschrieben ist. Sehen Sie, in diesem Vibrieren zwischen dem Einschlafen in dem anderen und Aufwachen in uns selbst haben Sie das Urelement, gewissermaßen das Atom des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Das ist das Urelement desjenigen, was soziales Leben von Mensch zu Mensch ist. Es ruhen also dieses Urelement und damit auch alle komplizierten Gebilde des sozialen Lebens eigentlich in demjenigen Teile unseres Wesens, der schläft, auch wenn wir wachend sind. Das soziale Leben ist im Wesentlichen höchstens ein träumendes Wesen des wachenden Menschen; es ist nicht ein völlig waches Leben, das der Mensch lebt im sozialen Leben. Daher ist das Soziale so schwer für das gewöhnliche Leben fassbar, weil es eigentlich gar nicht ein völlig waches Leben ist, weil es ein träumerisches Leben ist, und weil wir uns eigentlich immer, um uns selbst in uns aufrechtzuerhalten, wehren müssen gegen das soziale Empfinden, gegen das Empfinden in dem anderen.
Nun denken Sie einmal, wie kompliziert das unser Leben macht, dass wir mit den verschiedenen Menschen solche Verhältnisse eingehen, die in einem fortwährenden Einschlafen und Aufwachen bestehen. Der eine Mensch ist so, der andere Mensch ist so. Wir schlafen in ihn hinein. Dieses Hineinschlafen ist so, wie der andere Mensch ist. Wir gehen da im Einschlafen in ihm auf. Erinnern Sie sich nur einmal an folgendes: Denken Sie sich, Sie haben jetzt, meinetwillen in der Zwischenpause oder sonst hier irgendwie im Saale, mit so und so vielen Menschen gesprochen. In die haben Sie sich alle hineingeschlafen, und das ist, nachdem Sie aufwachen aus ihnen, immer wiederum in Ihnen da. Damit nehmen Sie herüber etwas von der Wesenheit dieser Menschen. Das alles vibriert von Mensch zu Mensch, das wellt von Mensch zu Mensch. Es ist im Grunde genommen ein dämmeriges, dunkles Element, das in diesem sozialen Zusammenleben der Menschen waltet. Und das Gegenwartsbewusstsein des Menschen hat nicht viel von diesem sozialen Empfinden, das da dunkel, dämmerig von Mensch zu Mensch wellt und webt.“
Rudolf Steiner in der GA 191 („Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis“), S. 165 ff.
Bildquelle: GA K 58/2

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