Aktuelles vom 29.9.2018 und: Vor 35 Jahren drohte die atomare Apokalypse: Stanislaw Petrow oder die Anstrengung der Phantasie

Türkei: Smartphone-App für Denunzianten in Deutschland
25. September 2018 Elke Dangeleit
Report Mainz berichtet von einer App, mit der verdächtige Erdogan- oder Türkeikritiker weitergemeldet werden sollen
Nach einem Bericht von Report Mainz gibt es eine Smartphone-App, über die Erdogan- bzw. Türkei-kritische türkische Staatsbürger direkt bei der Zentralbehörde der türkischen Polizei denunziert werden können.
Die App mit dem Kürzel EGM (Emniyet Genel Müdürlüğü – dt.: Zentralbehörde der türkischen Polizei) kann seit kurzem kostenlos im Google Play Store und im App Store heruntergeladen werden. Das heißt konkret, aus der Türkei stammende Bürger sind in Deutschland dazu aufgerufen, ihre Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen direkt in der Türkei zu denunzieren, wenn sie sich „Erdogan-kritisch“ outen.
In einem Interview mit Report Mainz nennt der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom die App „eine digitale Gestapo-Methode, die nationalistische Fanatiker aufstachelt, politische Gegner Erdogans in die Fänge seines Unterdrückungssystems zu treiben“. Schmidt-Eenboom sieht darin einen schweren Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung und fordert die deutschen Behörden auf, unverzüglich einzugreifen:
Die für die Betroffenen äußerst gefährliche Spitzeltätigkeit für den repressiven Polizeiapparat der Türkei auf deutschem Boden erfüllt meines Erachtens diesen Tatbestand. Hier stehen die Ausländerbehörden in der Verantwortung, solche Denunzianten auszuweisen.
Erich Schmidt-Eenboom
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Auf Staatsbesuch in Berlin
Berichte über neue Rüstungskooperationen mit der Türkei und über staatlich geförderte Denunziationen von Kritikern der türkischen Regierung via Smartphone-App auch in Deutschland begleiten die Ankunft des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zum Staatsbesuch in Berlin. Erdoğan wird mit allen protokollarischen Ehren empfangen, da die Bundesregierung um jeden Preis eine engere Anbindung Ankaras erreichen will, das sich in wachsendem Maß vom Westen abzuwenden droht. Ursachen des deutschen Bestrebens sind der Beitrag der Türkei zur Flüchtlingsabwehr sowie vor allem geostrategische Motive: Das Land gilt als unverzichtbare Landbrücke zur Einflussnahme in Zentralasien und Mittelost, um die sich die Bundesrepublik bemüht. Auch ermöglicht Ankara es Berlin, unter Ausschluss Washingtons gemeinsam mit Moskau an einem Abgleich über Syrien teilzunehmen. Der Ausbau der deutsch-türkischen Zusammenarbeit ist mit Milliardenaufträgen für deutsche Konzerne und mit deutschen Beiträgen zum Aufbau einer eigenen türkischen Rüstungsindustrie verbunden.
Quelle: German Foreign Policy

dazu: Vom Hoffnungsträger zum Diktator
Erdoğan kommt am Donnerstag nach Berlin. Wie er sich in einen Autokraten verwandelte und welche Rolle deutsche Journalisten dabei spielten.
Für mich und fast alle anderen westlichen Korrespondenten in der Türkei war Erdoğan damals eine willkommene positive Abwechslung von den Politikern, die bis dahin das Land geprägt hatten. Er schien offen, sagte scheinbar, was er dachte, und verfolgte einen Kurs, der viele auch westliche geprägte Intellektuelle begeisterte. Ein islamisch geprägter Mann wollte die Türkei in den Christenklub EU bringen und schien bereit, dafür einiges zu tun. Das war bemerkenswert. In einem Porträt Ende 2004 schrieb ich:
„In den zwei Jahren der Regierung Erdoğan sind mehr Reformen realisiert worden als in den 20 Jahren davor. Meinungsfreiheit und Null-Toleranz gegen Folter wurden proklamiert und gesetzlich verankert, kulturelle Rechte für die kurdische Minderheit garantiert und die Todesstrafe endgültig abgeschafft.“
Heute, 14 Jahre später, kann von Meinungsfreiheit keine Rede mehr sein, seit dem Putschversuch im Jahr 2016 wird in Polizeihaft wieder gefoltert, die Kurden im Land gelten wieder pauschal als PKK-Sympathisanten und „Terrorhelfer“. Erdoğan fordert regelmäßig das Parlament dazu auf, die Todesstrafe wiedereinzuführen. Wie konnte das geschehen? Die meisten westlichen Korrespondenten – mich eingeschlossen – haben die Kritiker Erdoğans, schon damals nicht ernst genommen, wenn sie sagten, dass der Mann lediglich ein taktisches Verhältnis zur Demokratie, zu westlichen Werten und der Europäischen Union hatte.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Mitglied des türkischen Wissenschaftsrates. Professor Celâl Şengör befürchtete schon damals, dass Erdoğan die Autonomie der Wissenschaft beenden und die Universitäten am liebsten wieder in Medresen, die alten religiösen Hochschulen, umwandeln würde. Ich hielt Şengör damals für überspannt, für einen verbohrten Kemalisten, der seine Vorurteile nicht aufgeben wollte. Mea culpa, Celâl Şengör.
Quelle: taz

Anmerkung: Der Autor übt auf sympathische Weise viel Selbstkritik an seinen eigenen (wechselnden) Einschätzungen von Erdogan und gesteht gleichzeitig ein, dass eine Beurteilung der politischen Lage in der Türkei unglaublich schwierig ist und immer mehrere Seiten hat. So viel kritische Distanz und Einsicht stünde vielen, vielen Journalisten an.

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Vor 35 Jahren drohte die atomare Apokalypse: Stanislaw Petrow oder die Anstrengung der Phantasie

Der russische Offizier, der am 26. September 1983 sehr wahrscheinlich einen Dritten Weltkrieg verhinderte, ist die ermutigende Symbolfigur unserer Epoche. Er brachte den notwendigen Mut und die Phantasie auf, die Effekte seines Handelns zu antizipieren.
Hallo, Sie, der oder die Sie jetzt gerade den Anfang dieses Essays lesen! Ja, genau Sie meine ich!
Ist Ihnen eigentlich klar, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass Sie jetzt vor Ihrem Rechner sitzen oder auf Ihr Smartphone starren? Schauen Sie sich mal um! Alles, was Sie gerade um sich herum sehen, hören, tasten, riechen, schmecken – alle Menschen, alle Tiere, alle Pflanzen, alle Gegenstände, buchstäblich alles könnte längst in Schutt und Asche zerfallen sein oder gar nicht erst das Licht dieses Planeten erblickt haben! Und damit nicht genug. Es gäbe keine Zukunft mehr und auch die Vergangenheit wäre gestorben. Ein zweites Mal. Denn noch ist sie da. Nämlich als erinnerte. Wo aber wäre sie, wenn es keine Erinnernden mehr gäbe?
Das nicht vorgestellte Nichts.
Das ist doch alles unvorstellbar? Ja, ich weiß. Und genau hierin liegt das Problem!
Trotzdem. Oder, genauer gesagt, deswegen! Schauen Sie sich nochmals um, halten Sie einen Moment lang inne und machen Sie sich klar: Nichts, buchstäblich nichts, was Sie jetzt gerade wahrnehmen, ist selbstverständlich! Stattdessen könnte sich bereits seit Jahrzehnten das Nichts hier ausgebreitet haben.
Dass dieses Leben, dass unser Alltag, den wir mit all seinen wichtigen Nichtigkeiten für so völlig selbstverständlich halten, dass wir niemals auch nur auf die Idee kommen, seine Existenz grundsätzlich infrage zu stellen; dass all dies seit genau 35 Jahren einfach bruchlos so weitergelaufen ist, das verdanken wir alle sehr wahrscheinlich der Nicht-Tat eines Offiziers der damaligen Sowjetarmee: Einem gewissen Stanislaw Petrow!
Der Vorfall
Wie Sie vielleicht schon einmal mitbekommen haben, schrillten in der kältesten Phase des Kalten Krieges, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983 um 00:15 Ortszeit im sowjetischen Raketenabwehrzentrum bei Moskau die Sirenen: Der Computer des satellitengestützen Systems meldete den Anflug einer amerikanischen Interkontinentalrakete. Erst einmal, dann zwei-, drei-, vier-, fünfmal hintereinander. Der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow hatte unter extremstem Zeitdruck – die Flugzeit von Interkontinentalraketen betrug eine halbe Stunde – eine Entscheidung über Leben und Tod von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu treffen: Angriff oder Fehlalarm? Im ersten Falle hätte die Sowjetunion nach Logik der Abschreckungstheorie – „Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter!“ – den alles vernichtenden vermeintlichen ‚Gegenschlag‘ ausgelöst. Petrow blieb trotz der wiederholten Alarmmeldungen bei seiner einmal getroffenen Entscheidung: Fehlalarm. Und behielt Recht!
Kommen Sie mit? Verstehen Sie wirklich, was da eigentlich passiert ist?
Nein?
Das geht nicht nur Ihnen, das geht uns allen so!
Aber das nützt nichts. Versuchen Sie es wenigstens! Helfen Sie Ihrer faulen Phantasie auf die Sprünge! Machen Sie sich die äußerst unangenehme Mühe und zählen Sie eins und eins zusammen!
Stell Dir vor, es ist Krieg – und jeder will hin!
Die Apokalypse
Was also wäre geschehen, wenn der sowjetische Offizier damals in der Nacht vor 35 Jahren eine andere Entscheidung getroffen hätte? Oder wenn er nicht über die Folgen seines Handelns nachgedacht hätte? Oder wenn er sich lediglich als austauschbares Rädchen im Getriebe definiert, sich also damit trotz seiner fachlichen Kompetenz für moralisch inkompetent erklärt hätte?
Dann hätte die Sowjetunion in irriger Vorannahme de facto einen Atomkrieg gegen die USA begonnen, die dann ihrerseits zwanzig Minuten später den Gegenschlag Richtung Osten gestartet hätten! Und Europa, das potentielle Schlachtfeld der Supermächte? Allein von der NATO waren damals in Westeuropa um die 7.000 Atombomben mit der mehrfachen Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe stationiert. (Die Zahl der Atombomben des Warschauer Paktes in Osteuropa ist mir unbekannt, aber es werden sicher nicht wenige gewesen sein.) Man stelle sich vor: Allein zu unserer ‚Verteidigung‘ siebentausendmal ein mehrfaches Hiroshima auf Europa! Und die Atombomben der Gegenseite dazu. Und beide deutsche Staaten mittendrin. Kein Stein wäre hier auf dem anderen geblieben!
„Man stelle sich vor …“
Aber warum fällt es uns allen eigentlich so schwer, uns das vorzustellen?
Zu groß
Weil es zu groß ist! Absolut zu groß.
Niemand hat sich über diesen Sachverhalt so scharfsinnige Gedanken gemacht und niemand hat diese bereits vor über einem halben Jahrhundert so präzise auf den Begriff gebracht, wie der Philosoph Günther Anders.
Seine klassische Formel lautet: Wir können uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen können! Betrauern können wir einen geliebten Toten. Vorstellen können wir uns vielleicht zehn Tote. Maximal. Umbringen können wir mit den heutigen Mitteln Hunderttausende auf einen Streich. Vor dem Gedanken der Apokalypse schließlich streikt die Seele! Der Gedanke bleibt nur ein Wort…
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«Bio-Lebensmittel sollten die Norm sein»
Romano Paganini / 18. Sep 2018 – ETH-Agronom Hans Rudolf Herren sieht die hochsubventionierte industrielle Landwirtschaft als «Sackgasse» und fordert ein Umdenken.
Insektenforscher, Weinbauer, Buchautor, Gründer der Stiftung Biovision, Mitglied des Club of Rome sowie Gewinner unzähliger Umwelt- und Landwirtschaftspreise: Hans Rudolf Herren, geboren und aufgewachsen im Kanton Wallis, hat sein Leben lang zu Ernährung und Umwelt geforscht – zuerst an der ETH Zürich, später jahrzehntelang in Afrika. Heute lebt der 70-Jährige auf einem kleinen Bauernhof im Capay-Valley, etwas ausserhalb von Sacramento/Kalifornien und kümmert sich dort um einen Rebberg sowie Zitrus-, Aprikosen-, Pfirsich-, Apfel-, Birnen- und Feigenbäume. Alles Bio. Um die Wiesen zu mähen, mietet er eine Schafherde vom Nachbarn, und gönnt sich dann gelegentlich auch ein Stück Schaffleisch. «Allerdings versuche ich nur noch so viel Fleisch zu essen, wie mein eigenes Land produzieren könnte», sagt der dreifache Vater.
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Mehr Autonomie für Drohnen
Unbemannte Luftfahrzeuge erledigen Starts, Landungen und sogar Luftkämpfe selbständig. Wenn sie anderen Flugzeugen ausweichen können, dürfen Drohnen sogar im zivilen Luftraum fliegen
Eine US-amerikanische Langstreckendrohne des Typs „Reaper“ hat erstmals einen automatischen Start- und Landevorgang absolviert. Das teilte der Hersteller General Atomics auf seiner Webseite mit. Die beiden Manöver wurden demnach bereits im August von der US-Luftwaffe durchgeführt…
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Mehr Demokratie e.V.
…Noch vor wenigen Jahren ein Mitstreiter von uns in Südtirol, heute Minister über die 5-Sterne-Bewegung. In wenigen Sätzen bringt er den Anlass dieser Konferenz auf den Punkt: Wir müssen nicht die Märkte globalisieren, sondern die guten Ideen und Erfahrungen, vor allem die für die Weiterentwicklung der Demokratie. Nicht die Demokratie sei in der Krise, sondern das Vertrauen in die Politik. Die Zukunft der Demokratie sei die Veränderung des Verhältnisses der Bürger/innen zur Politik – die Menschen wollen sich beteiligen! Was für ein Aufschlag!
Es ist die siebte Konferenz – nach Korea, Kalifornien, Uruguay, Tunesien und Baskenland. Der von den Mainstream-Medien in Deutschland proklamierte Abgesang auf die direkte Demokratie wirkt hier wie eine ahnungslose Meinung. Das Gegenteil ist der Fall, Demokratieentwicklungen sind weltweit auf dem Vormarsch, vor allem die direktdemokratischen Entwicklungen.
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…mehr zu den Perversionen der Kirche – s.dazu auch: hier weiter 12.Eintrag

Einladung
zum 30. Pleisweiler Gespräch am Sonntag, den 21. Oktober um 13:00 Uhr
in der Nonnensuselhalle in Pleisweiler-Oberhofen, Weinstraße 71
„Verbaut die digitale Revolution unseren Kindern die Zukunft? – Erkenntnisse aus der Evolutions- und Hirnforschung“
Prof. Dr. G. Teuchert-Noodt i.R., Kiel 2018 – ehem. Leitung der Neuroanatomie/Humanbiologie an der Universität Bielefeld
Bitte geben Sie die hier wiedergegebene Einladung weiter, per E-Mail oder ausgedruckt. Machen Sie bitte insbesondere Eltern und Lehrer auf diesen Termin aufmerksam. Wir freuen uns auf ein neues Pleisweiler Gespräch – das 30., fast schon ein Anlass zum Feiern…
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🙂 „Peinliche Hütte“: Erdogan bestürzt, wie ärmlich deutscher Präsident hausen muss
Berlin (dpo) – Da muss man schon fast Mitleid bekommen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich bestürzt darüber geäußert, wie kärglich sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier hausen muss. Schloss Bellevue könne in keiner Weise mit Erdogans Präsidentenpalast mithalten…
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