Blut und Nerven – Geisteswissenschaftlich betrachtet / Rudolf Steiner

ZWEITER VORTRAG – Blut und Nerven aus:

RUDOLF STEINER
Weltwesen und Ichheit – Sieben Vorträge, gehalten in Berlin

vom 6. Juni bis 18. Juli 191 – GA 169

zur Info: Gesamter Inhalt:
ERSTER VORTRAG, Berlin, 6. Juni 1916 Das Pfingstfest, ein Merkzeichen für die Unvergänglichkeit unseres Ich
ZWEITER VORTRAG, 13. Juni 1916 Blut und Nerven
DRITTER VORTRAG, 20. Juni 1916 Die zwölf Sinne des Menschen
VIERTER VORTRAG, 27. Juni 1916 Die Wechselwirkungen zwischen den Gliedern des menschlichen Organismus
FÜNFTER VORTRAG, 4. Juli 1916 Lebensgleichgewicht
SECHSTER VORTRAG, l1. Juli 1916 Wahrheitsgefühl
SIEBENTER VORTRAG, 18. Juli 1916 Der Weg zur Imagination

Inhaltsübersicht 2.Vortrag:
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Denn mit dem allgemeinen Satz, alles Stoffliche sei eine Offenbarung des Geistigen, ist ja nichts gesagt, höchstens etwas, was für Bequemlinge eine leichte Philosophie ist…
…das gewöhnliche denkende Betrachten zeigt sich, daß da zwei verschiedene Stoffesarten vorhanden sind, denn
grundverschieden treten diese zwei, sagen wir, Arten des Stofflichen am Menschenstoffeswesen auf: die Blutsubstanz, der Blut-
stoff und der Nervenstoff…
Das Blut wird allerdings durch den Einfluß von außen, aber doch im Innern des Menschen erzeugt, und erzeugt wiederum weiter, was eben für das stoffliche Dasein des Menschen notwendig ist. Dagegen zeigen sich Ihnen gerade die wichtigsten Nerven als Fortsetzungen der Sinne…
Man könnte sagen: Wie man in der äußeren Welt die beiden Magnetpole hat, wie man positive und negative Elektrizität hat, so haben wir wirklich in der Blutsubstanz und in der Nervensubstanz zwei Pole der menschlichen physischen Wesenheit…
Das Blut, so wie es als menschliches Blut heute durch unsere Adern fließt, ist hinzugekommen durch die
Erdenorganisation. Dagegen ist in der Konstruktion, in der ganzen Formung und Bildung des Nervenwesens dasjenige enthalten, was
lange, lange vorbereitet worden ist durch den Saturn-, Sonnen- und Mondenprozeß, durch die Vorprozesse unserer Erdenorgani-
sation…
Die Nervensubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen nicht irdisch ist. Die Blutsubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen irdisch ist…
Diese Nervensubstanz ist zum Leben angelegt gewissermaßen im Himmel, in allem Außerirdischen, und sie
stirbt ab zu dem Grade des Totseins, in dem sie in unserem Organismus ist, dadurch, daß sie in die Sphäre des Irdischen hereingebracht wird…
Gewöhnlich unterscheidet man nur fünf Sinne; wir haben dazumal zwölf aufgezählt. Zwölf Sinne hat der Mensch, wenn man alles, was Sinn genannt werden kann, wirklich aufzählt…
Dieses Verhältnis des Durchgehens der Sonne durch die zwölf Sternbilder ist symbolisch, aber real-symbolisch ausgedrückt in dem Verhältnis unseres gesamten Nervensystems zu den einzelnen zwölf Sinnen…
…so haben wir ja übereinandergelagert im Rückgrat Ring nach Ring, und da hindurch geht der Nervenstrang. Diese Ringe entsprechen wirklich den Monaten, dem Gang des Mondes um die Erde herum, so daß auch in diesem Hingehen immer eines Nervs zu einem Loch in dem Ring des Rückgrates gegeben ist etwas, was einem Tag im Monat entspricht…
Während das Nervensystem eigentlich zum Leben im Kosmos draußen, außerirdisch, bestimmt ist und in uns tot ist, ist das Blut bestimmt, in uns tot zu sein und erlangt ein Leben von außen…
Damit tragen wir in unserem Nervensystem, indem es getötet ist durch die irdische Sphäre, das Ahri-
manische in uns. Und in dem Blute, indem es lebendig gemacht wird, während es durch seine eigene Natur zum Tode bestimmt ist,
das heißt zu bloßen chemischen und physischen Vorgängen, tragen wir das Luziferische in uns…
Das Leben unserer Nerven, das wir nicht in uns tragen, das wir nicht vom Anfange unseres Erdendaseins an in uns tragen konnten, es ist nachgekommen in der Christus-Wesenheit. Und was mußte es ergreifen im Erdendasein ? Es mußte ergreifen das Blut!…
Daher wird die Wissenschaft immer atomistisch sein wollen, denn sie kommt aus der Nervensubstanz. Der Wissenschaft steht gegenüber alles dasjenige, was Mystik, was Religion und so weiter ist, was aus dem Blut kommt. Das will nicht Atomistik, das will überall die Einheit sehen…
Denn alles dasjenige, was wir in abstrakten Gedanken denken können, ist gebunden an Nervensubstanz, alles dasjenige, was in uns lebt als Gefühl, als Gemüt, als Enthusiasmus, als Stimmung, ist gebunden ans Blut…
Die Gegenwart — ich habe es oft gesagt — ist ja so autoritätsgläubig wie nur irgend etwas. Sie sieht sich dann nicht an, was, sagen wir, hinter den Autoritäten steht. Die Autoritäten werden heute bemessen nach den Titeln und Ämtern…
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ZWEITER VORTRAG
Berlin, 13. Juni 1916
Blut und Nerven

In der Geisteswissenschaft betrachten wir alles Materielle, alles Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen. Es handelt sich aber immer darum, in welcher Weise im einzelnen dieses oder jenes Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen anzusehen ist. Denn mit dem allgemeinen Satz, alles Stoffliche sei eine Offenbarung des Geistigen, ist ja nichts gesagt, höchstens etwas, was für Bequemlinge eine leichte Philosophie ist.

Für den, der ernsthaft nach Erkenntnis strebt, handelt es sich darum, immer beim einzelnen Stofflichen, das in der Welt auftritt, zu erkennen, wie es eine Offenbarung des Geistigen ist. Nun wissen wir ja, daß ein uralter, aber gleichwohl immer neuer Satz den Menschen einen Mikrokosmos nennt. Der Mensch tritt uns ja zunächst als stoffliche Erscheinung
hier in der physischen Welt entgegen, und wenn wir Ernst machen mit diesem Satz vom Menschen als einem Mikrokosmos, als einem
stofflichen Wesen, das so, wie es uns entgegentritt, die Geheimnisse des ganzen Kosmos enthält, so muß es uns ganz besonders wertvoll sein, gerade dieses stoffliche Wesen, als welches uns der Mensch zunächst in der physischen Welt entgegentritt, daraufhin zu prüfen, inwiefern es eine Offenbarung des Geistigen ist. Und wenn man das Stoffliche des Menschen ins Auge faßt, dann offenbart sich für denjenigen, welcher denkend — und denken muß man schon einmal, wenn man nach Erkenntnis strebt —
sich an das Stoffliche des Menschen macht, daß in der menschlichen stofflichen Wesenheit zwei ganz verschiedene Stoffesarten vorhanden sind. Schon für das gewöhnliche denkende Betrachten zeigt sich, daß da zwei verschiedene Stoffesarten vorhanden sind, denn grundverschieden treten diese zwei, sagen wir, Arten des Stofflichen am Menschenstoffeswesen auf: die Blutsubstanz, der Blutstoff und der Nervenstoff. Gewiß, Sie können sagen, es gibt allerlei andere Stoffe für eine äußerliche Betrachtungsweise: Muskelstoff, Knochenstoff und so weiter.

Aber Sie wissen ja vielleicht, daß diese im Grunde genommen alle aus dem Blute heraus gebildet sind.
Und wenn man sie genauer kennenlernt, so lernt man sie ja auch in ihrer Entstehungsweise aus dem Blute kennen, und es wider-
spricht dieses nicht der Tatsache, daß man es bei der menschlichen stofflichen Natur zu tun hat mit der Blutsubstanz, mit dem Blutstoff und mit dem Nervenstoff.
Sie können insofern schon äußerlich in der denkenden Betrachtung einen Unterschied finden zwischen dem Blutstoff und dem
Nervenstoff, als Sie sich ja bloß zu überlegen brauchen, wie alles dasjenige, was zum Blute gehört, gewissermaßen von innen heraus sich an den stofflichen Vorgängen des menschlichen Organismus beteiligt. Das Blut wird allerdings durch den Einfluß von außen, aber doch im Innern des Menschen erzeugt, und erzeugt wiederum weiter, was eben für das stoffliche Dasein des Menschen notwendig ist. Dagegen zeigen sich Ihnen gerade die wichtigsten Nerven als Fortsetzungen der Sinne. Wenn Sie das Auge nehmen, so werden Sie nach rückwärts gehend als Fortsetzung des Auges den Augennerv, den Sehnerv finden, der sich dann einsenkt in die weitere Nervensubstanz des Gehirns. Und so sind im Grunde genommen alle Nerven gewissermaßen Fortsetzungen der Sinnesorgane.

Die Prozesse, die sich in ihnen abspielen, spielen sich mehr oder weniger durch äußeren Einfluß ab, durch dasjenige, was von außen auf den Menschen wirkt. Man könnte sagen: Wie man in der äußeren Welt die beiden Magnetpole hat, wie man positive und negative Elektrizität hat, so haben wir wirklich in der Blutsubstanz und in der Nervensubstanz zwei Pole der menschlichen physischen Wesenheit. Und sie sind innerlich sehr, sehr verschieden, diese beiden Stoffarten, Blutstoff und Nervenstoff. Wenn man allerdings so nach den Methoden der heutigen Anatomie und Physiologie auf dem Seziertisch den Menschen untersucht, so legt man hübsch nebeneinander dasjenige, was aus dem Blut direkt stammt und dasjenige, was seinen Aufbau von außen erhält, die Nervensubstanz; und es erscheint Substanz neben Substanz. Aber sie sind doch grundverschieden voneinander. Und wenn man das Leben verfolgt, wie es sich entwickelt nach und nach, dann zeigt sich schon auch der große, bedeutsame Unterschied im Blutstoff und im Nervenstoff, und wir könnten vieles anführen aus der allermodernsten Anatomie und Physiologie,
wenn wir diesen Unterschied, diesen polarischen Gegensatz näher begründen wollten. Das aber soll jetzt unterlassen werden. Wir wollen mehr auf die geisteswissenschaftliche Seite der Frage eingehen.

Da stellt sich uns das Blut — ich spreche vom Menschen — dar als dasjenige, was in die menschliche Organisation gekommen ist durch die Vorgänge, die im besonderen Erdenvorgänge sind. Das Blut ist durchaus Erdenwesen. Sie wissen ja, daß der Mensch lange, lange bevor es eine Erde gab, durch Saturn-, Sonnen- und Mondendasein vorbereitet worden ist. Was da vorbereitet worden ist, das alles hat das Blut noch nicht in sich. Das Blut, so wie es als menschliches Blut heute durch unsere Adern fließt, ist hinzugekommen durch die Erdenorganisation. Dagegen ist in der Konstruktion, in der ganzen Formung und Bildung des Nervenwesens dasjenige enthalten, was lange, lange vorbereitet worden ist durch den Saturn-, Sonnenund Mondenprozeß, durch die Vorprozesse unserer Erdenorganisation.

Wenn nun derjenige, der geisteswissenschaftlich diese Sache untersucht, seinen Blick wirft einerseits auf die Blutsubstanz, anderseits auf die Nervensubstanz, so zeigt sich ihm gerade dann ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Substanzen. Die Nervensubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen nicht irdisch ist.
Die Blutsubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen irdisch ist. Die Nervensubstanz hat ganz ihren Ursprung, ihren Prozeß-
Ursprung, in Vorgängen, die vor der Bildung der Erde liegen. Die Blutsubstanz mit allem, was in ihr wallt und webt, hat ganz den Ursprung in irdischen Vorgängen. Man könnte sagen, unsere Nervensubstanz ist so, daß sie eigentlich ganz und gar nicht von dieser Erde ist, sie ist in uns eingewoben als ein Kosmisches, ein Außerirdisches, sie ist verwandt mit dem Kosmos. Das Blut ist ganz und gar verwandt mit dem Irdischen. Nun ist aber unsere Nervensubstanz in das Irdische hereinversetzt, sie existiert hier im Irdischen, denn wir Menschen als stoffliche Wesen gehen auf der physischen Erde herum.

Wir tragen alle in unserer Nervensubstanz etwas in uns, das eigentlich außerirdischen Ursprungs und auf die Erde versetzt ist.
Das ist eine außerordentlich wichtige Tatsache. Denn unsere Nervensubstanz ist eigentlich so, wie sie in uns lagert, tot. Daher brauchen Sie auch nur das nächstbeste der gewöhnlichen gegenwärtigen Bücher über Physiologie oder Anatomie aufzuschlagen und Sie werden sehen, daß die Nervensubstanz als Substanz das Haltbarste im Menschen ist, das Unveränderlichste, dasjenige, welches in derselben Weise wie die Blutsubstanz am wenigsten unmittelbar mechanischen, äußeren Einflüssen unterliegt. Es unterliegt den Einflüssen der Sinnesempfindungen, aber nicht unmittelbar mechanischen Einflüssen. Das alles kommt davon her, daß unsere Nervensubstanz ihrem Ursprung nach eine lebende Substanz ist; aber dadurch, daß wir sie als Erdenmenschen in uns tragen, ist sie tot. Man könnte sagen — wenn das nicht paradox wäre, aber es ist, trotzdem es paradox
ist, richtig im geistigen Sinne —: Wenn man Nervensubstanz nehmen könnte und sie hinauftragen bis dahin, wo die Erdenkräfte nicht mehr wirken, so würde Nervensubstanz ein wunderbar lebendiges, vibrierendes Wesen sein! Diese Nervensubstanz ist zum Leben angelegt gewissermaßen im Himmel, in allem Außerirdischen, und sie stirbt ab zu dem Grade des Totseins, in dem sie in unserem Organismus ist, dadurch, daß sie in die Sphäre des Irdischen hereingebracht wird. Das ist etwas höchst Merkwürdiges. Wir tragen in uns diese Nervensubstanz, die eigentlich kosmisch lebendig und irdisch nur tot ist.

Wie gesagt, würde man ein Stückchen Nervensubstanz nehmen und hinauftragen da, wo die Erde nicht mehr hinwirkt, so würde man eine wunderbare, lebende, leuchtende Substanz haben, die sogleich wiederum überginge in diesen ruhigen, leblosen Zustand, in dem sie in uns lagert, wenn sie in die Erdensphäre hereingebracht wird. Wir haben es also in unserer Nervensubstanz mit einem Kosmisch-Lebendigen und Irdisch-Toten zu tun.
Wir tragen stofflich in unserer Nervensubstanz tatsächlich ein Außerirdisches in uns. Das drückt sich auch symbolisch sehr gut aus.
Vielleicht werden sich einige von Ihnen noch erinnern können, daß ich einmal hier über die Anthroposophie im engeren Sinne vorgetragen habe. Da habe ich die Sinne des Menschen aufgezählt. Gewöhnlich unterscheidet man nur fünf Sinne; wir haben dazumal
zwölf aufgezählt. Zwölf Sinne hat der Mensch, wenn man alles, was Sinn genannt werden kann, wirklich aufzählt. Und die Sinne
sind ja schließlich nichts anderes, als dasjenige, wozu die Nerven hingehen, oder eigentlich von dem die Nerven ausgehen und sich nach innen erstrecken, so daß wir im Grunde genommen zwölf Sinne haben, und von den zwölf Sinnen ausgehend, die Nerven wie
kleine Bäume nach dem Innern sich erstreckend. Das ist deshalb, weil sich in unserem Nervenapparat, insofern er zu den äußeren
Sinnen gehört, ausdrückt ein Himmlisches: der Durchgang der Sonne durch die zwölf Sternbilder. Dieses Verhältnis des Durch-
gehens der Sonne durch die zwölf Sternbilder ist symbolisch, aber real-symbolisch ausgedrückt in dem Verhältnis unseres gesamten Nervensystems zu den einzelnen zwölf Sinnen.

Daraus können Sie ersehen, daß wir dasjenige, was draußen kosmisch vorhanden ist in dem Durchgang der Sonne durch die zwölf Sternbilder, wirklich in uns tragen räumlich in dem Verhältnis unseres gesamten Nervensystems zu den zwölf Sinnen. Und wiederum, wenn Sie das mehr nach innen gelagerte Nervensystem nehmen, das zum Rückenmark gehört, so haben wir ja übereinandergelagert im Rückgrat Ring nach Ring, und da hindurch geht der Nervenstrang. Diese Ringe entsprechen wirklich den Monaten, dem Gang des Mondes um die Erde herum, so daß auch in diesem Hingehen immer eines Nervs zu einem Loch in dem Ring des Rückgrates gegeben ist etwas, was einem Tag im Monat entspricht. Wiederum ein himmlisches Verhältnis ! Das Verhältnis des Mondenganges um die Erde drückt sich real-symbolisch aus in dem, was wir in uns tragen als Verhältnis unserer Innennerven zum Rückenmark. Wir sind ganz und gar, insofern wir aus Nervensubstanz aufgebaut sind, aus dem Himmel heraus gebaut, aus dem Kosmos draußen, und derjenige allein versteht richtig diese wunderbare Anordnung der Nervensubstanz in uns, der in ihr ein Abbild des ganzen Sternenhimmels wahrnehmen kann.

Der Mensch trägt da wirklich ein Abbild des ganzen Sternenhimmels in sich in der baumartigen Anordnung seiner Nervensubstanz, und diejenigen Kräfte, die draußen fließen von Stern zu Stern, die sich ausdrücken in dem Kreislauf des Himmels, die fließen wirklich, aber abgestorben und in uns lagernd, in unserem Nervensystem.
Und wie wir bei so vielem sehen können, wie im Grunde genommen das ganze Universum sich in dem Menschen ausdrückt, so können
wir es auch an diesem Zusammenhange zwischen dem Aufbau des ganzen Kosmos außerhalb der Erde und unserem Nervenbau sehen.
Wenn wir sagen können, daß das Nervensystem für den Himmel gebaut ist, so ist es lebendig für den Himmel gebaut und ist abge-
storben in uns dadurch, daß es in der Sphäre der Erde ist.
Ganz anderes müssen wir über unsere Blutsubstanz sagen. Die ist durchaus irdisch, und die Vorgänge, die im Blute vor sich gehen, müßten nach der inneren Beschaffenheit des ganzen Blutsystems eigentlich nur irdische Vorgänge sein. Das Eigentümliche der irdischen Vorgänge ist aber, daß sie eben nicht leben. Das Mineralreich ist, wie wir wissen, dasjenige, was auf der Erde dazugekommen ist, das leblose Reich. Und ganz entspricht diesem leblosen Reich in uns das Element des Blutes. Zwar lebt dieses Blut, solange es in uns ist, aber es ist nicht durch seine innere irdische Natur zum Leben bestimmt, das ist das Eigentümliche, sondern dadurch, daß es verbunden ist mit dem im Menschen, was außerirdisch ist, bekommt es sein Leben. Während das Nervensystem eigentlich zum Leben im Kosmos draußen, außerirdisch, bestimmt ist und in uns tot ist, ist das
Blut bestimmt, in uns tot zu sein und erlangt ein Leben von außen.
Das Nervensystem gibt gewissermaßen sein Leben ab an das Blut, und so ist das Nervensystem verhältnismäßig tot, das Blut verhältnismäßig das Lebendige. So wahr das Nervensystem kosmisch Leben und irdisch Tod hat, so wahr hat das Blut umgekehrt durch sich irdisch Tod und erborgtes, ihm aufgedrängtes kosmisches Leben.

Das Leben ist überhaupt nicht von unserer Erde. Daher muß das Nervensystem gewissermaßen den Tod aufnehmen, damit es irdisch
werden kann, und das Blut muß lebend werden, damit der Mensch, insofern er irdische Substanz ist, der außerirdischen Welt sich zuwenden kann.

Da aber wird, ich möchte sagen, dasjenige, was wir immer aufzunehmen hatten durch die Geisteswissenschaft, recht ernst. Denn
eigentlich müssen wir ja sagen: Wir tragen in uns die Nervensubstanz, sie ist zum Leben bestimmt durch ihre eigene Wesenheit, aber sie ist tot. Wodurch ist sie tot ? Dadurch, daß sie auf die Erde versetzt ist. Der Tod — Sie brauchen es nur nachzulesen in einem Vortragszyklus, den ich einmal in München gehalten habe —, ist eigentlich das Reich des Ahriman. Damit tragen wir in unserem Nervensystem, indem es getötet ist durch die irdische Sphäre, das Ahrimanische in uns. Und in dem Blute, indem es lebendig gemacht wird, während es durch seine eigene Natur zum Tode bestimmt ist, das heißt zu bloßen chemischen und physischen Vorgängen, tragen wir das Luziferische in uns. Weil das Nervensystem ein Totes ist, kann Ahriman in uns sein, weil das Blut ein Lebendiges ist, kann Luzifer in uns sein. Sie sehen jetzt, wie bedeutsam sich diese beiden Substanzen von einander abheben, wie sie sich wie Nord- und Südpol polarisch zueinander verhalten.

Nun blicken wir einmal hinaus im Gedanken in das Außerirdische und machen dasjenige, was wir geisteswissenschaftlich erkennen,
nicht zu einer abstrakten Theorie, sondern zu etwas Lebendigem, das unser Gefühl, unser Empfinden ergreifen kann. Dann blicken wir hinauf in den Weltenraum, in das Außerirdische, und sagen uns:
Da draußen ist der Geist, der eigentlich in unserem Nervensystem leben könnte, wenn unser Nervensystem nicht auf die Erde heruntergegangen wäre. Da draußen ist der Geist, wir ahnen ihn, erfüllend das Universum, der Geist, der zu unserem Nervensystem gehört. Und wiederum, indem wir den Gedanken auf unser Blut lenken, sagen wir uns: Dieses Blut tragen wir in uns, es ist eigentlich durch seine eigene Wesenheit zu bloß physischen und chemischen Vorgängen bestimmt, bloß um umgesetzt zu werden durch den Sauerstoff in der Weise, wie Sie das in der Anatomie, in der Physiologie beschrieben finden können. Aber dadurch, daß es in uns lebt, hat es Teil an dem Leben des Universums. Aber es ist zunächst luziferisches Leben.

Und jetzt, meine lieben Freunde, erinnern wir uns recht tief, gefühls- und empfindungsmäßig recht gründlich an mancherlei, das
wie ein roter Faden durch viele unserer Betrachtungen gegangen ist.
Erinnern wir uns an alles dasjenige, das wir gesagt haben über das Herabsteigen des Christus aus den Weltensphären in unsere Erdensphäre, so werden wir dasjenige, was so in unserer Erinnerung auftauchen kann, verbinden können mit den Gedanken, die eben jetzt geäußert worden sind. Wir sind ja aus diesem Weltenall, aus diesem Universum stammend. Einst, in der lemurischen Zeit, sind wir herabgekommen, oder überhaupt im Laufe der Erdenentwickelung sind wir herabgekommen, haben unsere Entwickelung mit der Erde verbunden. Aber indem wir unser Nervensystem zur Entwickelung der Erde anvertraut haben, haben wir es der Totwerdung anvertraut, und sein Leben haben wir oben gelassen. Dieses Leben, das wir oben gelassen haben, ist dasselbe, das später nachgekommen ist in der Christus-Wesenheit. Das Leben unserer Nerven, das wir nicht in uns tragen, das wir nicht vom Anfange unseres Erdendaseins an in uns tragen konnten, es ist nachgekommen in der Christus-Wesenheit.

Und was mußte es ergreifen im Erdendasein ? Es mußte ergreifen dasBlut! Daher das viele Hinblicken auf das Blutmysterium. Dasjenige, was in uns getrennt ist, indem das Nervensystem sein kosmisches Leben verloren und das Blut ein kosmisches Leben bekommen hat, daß Leben Tod und der Tod Leben wurde, das erreichte eine neue Verbindung dadurch, daß dasjenige, was nicht in unserem irdischen Nervensystem lebt, aus dem Kosmos zu uns niedergestiegen ist, Mensch geworden ist, in das Blut getreten ist, das Blut sich aber mit der Erde vereinigt hat, wie ich in früheren Vorträgen ausgeführt habe. Und wir als Menschen können durch die Teilnahme am Christus-Mysterium den polarischen Gegensatz ausgleichen zwischen unserem Nervensystem und unserem Blutsystem.
Sehen Sie, die Menschen tragen diesen Gegensatz einmal in sich, und dieser Gegensatz spricht sich in der verschiedensten Weise aus, Da gibt es zum Beispiel eine äußere Wissenschaft, die jetzt in der Naturwissenschaft gewissermaßen ihren Abschluß, ihre Zielsetzung gefunden hat. Die Naturwissenschaft spricht von der Welt als aus Atomen aufgebaut. Diese Atome, von denen die Naturwissenschaft spricht, sind reine Phantasie. Sie sind draußen nirgends.

Warum spricht aber der Mensch doch von Atomen? Weil er in sich sein Nervensystem aus lauter Kügelchen gebaut hat, und das projiziert er hinaus. Die atomistische Welt draußen ist nichts anderes als das hinausprojizierte Nervensystem. Der Mensch selbst verlegt sich hinaus in die Welt, denkt sie sich aus Atomen zusammengesetzt, sein Nervensystem selbst aus den einzelnen Ganglien-Kügelchen zusammengesetzt. Daher wird die Wissenschaft immer atomistisch sein wollen, denn sie kommt aus der Nervensubstanz. Der Wissenschaft steht gegenüber alles dasjenige, was Mystik, was Religion und so weiter ist, was aus dem Blut kommt. Das will nicht Atomistik, das will überall die Einheit sehen. Diese beiden Gegensätze streiten sich in der Welt. Man ist erst aufgeklärt über diesen Streit, wenn man weiß, daß das der innere Streit in der menschlichen Natur zwischen
Nervensubstanz und Blutsubstanz ist. Es gäbe keinen Streit in der Welt zwischen Wissenschaft und Religion, wenn nicht in der Menschennatur der Streit wäre zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz.

Den Ausgleich findet man dadurch, daß man in der richtigen Art sich vereinigen kann mit demjenigen, was als das Christus-Wesen die Erde durchpulst seit dem Mysterium von Golgatha. Jede Empfindung, jedes Erlebnis, das wir haben können in Anknüpfung an
dieses Mysterium von Golgatha, trägt zum Ausgleich bei. Die Menschen sind heute noch nicht sehr weit in bezug auf diese Aus-
gleichung, aber das Streben muß dahin gehen. Wir selbst in unserem Kreise finden sehr häufig, wie der charakterisierte Gegensatz nach der einen oder nach der anderen Richtung sich ausprägt.

Viele sind unter uns, die hören sich die Lehren der Anthroposophie an und nehmen sie wie eine äußere Wissenschaft, so daß sich in den Köpfen von vielen Anthroposophie gewissermaßen nicht unterscheidet von äußerer Wissenschaft. Aber Anthroposophie ist erst dann in richtigem Sinn verstanden, wenn sie nicht bloß mit dem Kopf aufgefaßt wird, sondern wenn sie uns in jeder ihrer Äußerungen Enthusiasmus gibt, wenn sie in uns so lebt, daß sie den Übergang findet von Nervensystem zu Blutsystem. Wenn wir uns erwärmen können für die Wahrheiten, die in der Anthroposophie enthalten sind, dann erst verstehen wir sie. Solange wir sie bloß abstrakt fassen, indem wir sie gewissermaßen studieren wie ein Einmaleins, ein Rechenbuch, ein Dienstreglement oder ein Kochbuch, so lange verstehen wir sie nicht.
Ebensowenig verstehen wir sie, wenn wir diese Anthroposophiestudieren wie die Chemie oder wie die Botanik. Wir verstehen sie
erst, wenn sie uns warm macht, wenn sie uns erfüllt mit dem Leben, das in ihr waltet. Der Christus hat einmal gesagt: «Ich bin bei euchbis ans Ende der Erdentage.» Und er ist nicht bloß als ein Toter, er ist als ein Lebender unter uns und er offenbart sich immer. Und nur diejenigen, die so kurzsichtig sind, daß sie sich vor diesen Offenbarungen fürchten, sagen, man solle bei dem bleiben, was immer gegolten hat. Diejenigen aber, die nicht feige sind, wissen, daß der Christus sich immer offenbart. Deshalb dürfen wir dasjenige, was er als Anthroposophie offenbart, als eine wirkliche Christus-Offenbarung aufnehmen. —

Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitgliedern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? — Es ist eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben können, jede Zeile, die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaßen gar nichts anderes. Und derjenige,
der nebenbei noch ein besonderes Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der drückt nur naiv aus, daß er eigentlich vermeiden möchte den etwas unbequemen Weg, etwas zu studieren oder etwas zu lesen.
Aber noch etwas anderes können Sie sehen aus dieser Betrachtung. Diese Betrachtung hat begonnen, ich möchte sagen, wie ganz äußerlich-wissenschaftlich, wie anatomisch-physiologisch. Von der stofflichen Betrachtung des Menschen sind wir ausgegangen, und den Übergang finden wir nun zu der höchsten Erkenntnis, die sich dem Menschen auf Erden bieten kann: zu der Christologie. Diesen Übergang kann Ihnen keine andere Wissenschaft geben. Die Geisteswissenschaft zeigt Ihnen, wie unsere Nervensubstanz etwas verloren hat dadurch, daß sie irdische Substanz geworden ist. Wo aber ist das, was unsere Nervensubstanz verloren hat ?

Als Jesus von Nazareth dreißig Jahre alt war, zog Christus in den Leib des Jesus von Nazareth und ging durch das Mysterium von Golgatha! Versuchen Sie nur einmal, sich so recht zu durchwärmen mit diesem Gedanken. Dasjenige, was,weil wir Erdenmenschen sind, unserem Nervensystem fehlt, was nur ausgefüllt ist durch Ahrimanisches, das tritt uns da entgegen im Mysterium von Golgatha, und unsere Menschenaufgabe ist es, es ins Blut aufzunehmen, um das Luziferische zu durchchristen im Blute, unseren
Enthusiasmus so zu gestalten, daß es in uns lebt. Denn alles dasjenige, was wir in abstrakten Gedanken denken können, ist gebunden an Nervensubstanz, alles dasjenige, was in uns lebt als Gefühl, als Gemüt, als Enthusiasmus, als Stimmung, ist gebunden ans Blut. So, wie im Organismus die Beziehung ist zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz, so ist in der Seele die Beziehung zwischen dem Denken, das in Abstraktionen, in kalten Gedanken, wie man sagt, verläuft, und dem Enthusiasmus, in den wir versetzt werden können, wenn die Dinge für uns nicht kalte Gedanken bleiben, wenn wir warm gemacht werden können durch den Geist, wozu wir uns ja allerdings im Leben erst erziehen müssen.
Und jetzt sehen Sie, ich möchte sagen, geistig-physiologisch hinein in dasjenige, was sich vollzogen hat mit dem Mysterium von Golgatha. Nachgezogen ist dem Menschen dasjenige, was er zurückgelassen hat, und wiederum soll es ihn durchseelen, weil es ihn nicht durchkörpern sollte im Beginne des Erdenwirkens. Hätte es ihn durchdrungen im Beginne des Erdenwirkens, so hätte es ihn
durchkörpert, und er wäre ein Automat des Geistes geworden.

So aber hat er erst seine Entwickelung eine Zeitlang im Erdenlauf vollendet, und dann erst sollte ihn durchseelen, was ihn nicht vom Anfange an durchkörpern sollte. Das ist der große, wunderbare Zusammenhang, der uns bis in den Stoff hinunter die Wirksamkeit des Geistigen zeigt, nicht nur jenes allgemeinen Geistigen, von dem der verschwommene Pantheismus so gern redet, sondern des konkret Geistigen, das wir durch das Mysterium von Golgatha gehen sehen.
Das ist es, was ich gemeint habe, wenn ich sagte, daß mit der allgemeinen Wahrheit: Alle Materie ist eine Offenbarung des Geistes —, nichts Besonderes gesagt ist. Erkenntnis gewinnen wir erst, wenn wir im besonderen wissen, wie in dem einzelnen materiellen Dasein das Geistige sich offenbaren kann. Sehen Sie, wenn man heute dasjenige, was die äußere Wissenschaft bietet, nimmt, dann ist ja da eine ganze Fülle enthalten von Dingen, die als Material daliegen, die da warten, von geistiger Auffassung durchdrungen zu werden. So stark könnensie von geistiger Auffassung durchdrungen werden, daß sich allerallermateriellste Wissenschaft verbinden wird mit Christologie. Aber wir leben eben in einem Zeitalter, in dem es den Menschen schwer wird, den Weg zu finden, der gewissermaßen Nervensystem und Blutsystem verbindet.

Deshalb habe ich Ihnen durch eine Reihe von Betrachtungen gezeigt, wie weit unsere Zeit entfernt ist von einer solchen geist-
gemäßen Auffassung der Welt. Noch das letztemal zeigte ich Ihnen an einem besonderen Beispiel, wie es selbst einem, der gestrebt hat nach dem Geistigen, Hermann Bahr, jetzt nur gelungen ist, nachdem er über fünfzig Jahre alt geworden ist, das allerelementarste Sich-Nähern an den Geist zu erreichen, während groteske Erscheinungen gewissermaßen unser geistiges Leben beherrschen, wie jener Philosophie-Professor in Czernowitz, von dem ich Ihnen einen Ausspruch vorgelesen habe. Damit er uns ja nicht entfalle, will ich Ihnen diesen Ausspruch doch noch einmal vorlesen: «Wir haben nicht mehr Philosophie als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu einer Philosophie zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen unterscheiden uns von dem Tiere.» — Das ist die Quintessenz dieser Philosophie, aber Philosophie kann man es ja nicht nennen, denn «der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier», nach dem Ausspruch dieses Philosophie-Professors. Das heißt, wir sind heute so
weit, daß es regelrecht angestellte Professoren der Philosophie gibt, die sich zur Aufgabe machen, Philosophie als lächerlichen Unsinn hinzustellen. Hier bemerkt man es, wenn einer gerade so weit geht.

Die meisten anderen Philosophen tun es ja auch, aber sie lassen es sich nicht so anmerken. Und die Wahrheit gilt nicht nur für Philosophen, sie gilt auch für andere Menschen, die so viel von ihrer Aufgabe verstehen, wie dieser Philosoph von seiner Philosophie, daß sie so viel ruinieren von dem, wofür sie angestellt sind, wie dieser Philosoph von der Philosophie ruiniert. Aber sonst bemerkt man es nicht so, wenn man es nicht gerade so zynisch auf dem Präsentierteller den Menschen vorhält wie dieser, zur Vernichtung der Philosophie als Professor der Philosophie angestellte Philosoph, Richard Wähle.

Deshalb ist es notwendig — Sie brauchen sich nur, um die Notwendigkeit einzusehen, an einen Vortrag zu erinnern, den ich vor
einigen Wochen hier gehalten habe —, daß ein wenig angeknüpft werde an die Zeit des europäischen Geisteslebens, da man versucht
hat, wenn auch noch nicht mit den heutigen Mitteln der Geisteswissenschaft, dem Geiste nahe zu kommen. Aus diesem Grunde habe
ich gerade in dieser jetzigen schweren Zeit die Vorträge der verflossenen Winter gehalten und sie jetzt zusammengefaßt in dem
Buch, das nächstens fertig werden wird, «Vom Menschenrätsel», wo das Denken, Schauen und Sinnen einer Anzahl von Geistern des
neunzehnten Jahrhunderts zusammengefaßt ist, die eben noch nach dem Geistigen strebten, wenn auch noch nicht mit den Mitteln der heutigen Geisteswissenschaft. Aber ich versuchte, in diesem Buche zu zeigen, wie diese Geister hinstrebten zum Geiste, wenn sie ihn auch noch nicht erreichen konnten. Es wird sich ja zeigen, ob nicht vielleicht gerade dieses Buch «Vom Menschenrätsel», das die Vorträge der letzten Winter zusammenfaßt, trotzdem es so leicht als möglich geschrieben ist, manchem zu schwer sein wird und er es beim Kaufen bewenden lassen wird, was das weniger Wichtige ist.

Das Wichtigere ist das Lesen! Es wird sich ja zeigen, ob dieses Buch, das wirklich geschrieben ist, um der Zeit zu dienen, eine Wirkung tut, ob es in die Seelen einzieht. Es ist ein Buch, das von jedem verwendet werden kann, um gewissermaßen denjenigen, die außerhalb unseres Kreises stehen, den Beweis zu liefern, daß Geisteswissenschaft wie eine Forderung der besten Geister der unmittelbaren Vergangenheit dasteht, daß sie nicht etwas ist, das nur aus einer gewissen Willkür heraus entspringt, sondern wirklich eine Forderung der besten Geister ist.
Und so möchte ich die Anregung machen, daß einzelnes von dem gelesen wird, was so wunderschön geistig im Laufe des neunzehnten
Jahrhunderts von Geistern des Abendlandes zutage gefördert worden ist, Großes, Bedeutsames. Aber mit all diesen Bestrebungen geht es ja ganz sonderbar. Zu dem Größten — ich habe in anderem Zusammenhang darauf hingewiesen, in diesem Buche war es nicht notwendig, noch einmal darauf zurückzukommen — gehören die philosophischen Schriften Schillers, zum Beispiel die Briefe «Über dieästhetische Erziehung des Menschen». Man kann sagen, wer das mit innerem Anteil gelesen hat, hat außerordentlich viel für das Leben seiner Seele getan. Es haben sich ja verschiedene Leute Mühe gegeben, die Menschen hinzuweisen auf die philosophischen Schriften Schillers. Deinhardt war solch einer, der in Wien lebende Heinrich Deinhardt.
Er hat ein schönes, außerordentlich geistvolles Büchelchen geschrieben über Schillers Weltanschauung in den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts. Ich glaube nicht, daß Sie es irgendwo bekommen, es ist längst eingestampft, höchstens irgendwo
ein verlorenes antiquarisches Exemplar, denn gelesen hat das, was Deinhardt über Schiller geschrieben hat, das zu dem Besten gehört, was über Schiller geschrieben worden ist, niemand! Aber der Mann war ein vergessener Lehrer in Wien, der das Malheur gehabt hat, sich einmal ein Bein zu brechen, und trotzdem es mit Sorgfalt eingerichtet worden ist, konnte er nicht gesund werden, weil er zu schlecht ernährt war. Der Mann hat eines der besten Bücher über Schiller geschrieben, ein Buch, das sicherlich besser ist, als alle die zahlreichen Quatsch-Schriften, die später über Schiller geschrieben worden sind; aber er mußte verhungern. So geht es eben.
Mit diesem meinem Buch sollte noch einmal versucht werden, Geister wie Fichte, Schelling, Hegel, Troxler, Planck, Preuß, Im-
manuel Hermann Fichte und einige andere lebendig zu machen in unserer Gegenwart. Das, was sie enthalten, ist eine ganz andere
Seelennahrung als dasjenige, was die heutigen Menschen so vielfach suchen, die ganz ehrlich, aber mißleitet suchen. Wie tat einem doch das Herz weh, wenn man immer wieder und wiederum sah, wie ehrlich suchende Menschen griffen zu dem oder jenem, um für ihreSeele Nahrung zu haben, um einen Weg zu haben in die geistige Welt hinein. Hätte man zu solchen Schriften wie Schellings «Clara» oder «Bruno» gegriffen, unendliche Seelennahrung — allerdings mit einiger Anstrengung, aber die tut gut! — hätte man gewinnen können.
Immer lebendiger und lebendiger wurde ja ein gewisses naives Seelensuchen der letzten Zeit, aber das Höchste, zu dem man sich
verstieg, war in weiteren Kreisen so etwas wie die Seelensauce von Ralph Waldo Trine oder dergleichen, oder jene geistige Seelensauce, die entsteht, indem man irgendeine Ausgestaltung des Buddhismus oder des Brahmanismus oder ähnliches mit einer Sauce verbrämt. Da hat man die sonderbarsten Erfahrungen machen können. Ich kannte einen ganz lieben Menschen — er ist vor kurzem hier in Berlin gestorben —, der, als ich zuerst veröffentlicht hatte die Schriften, die ich der Interpretation Goethes gewidmet habe, für diese Schriften dazumal enthusiasmiert war. Dann ist er älter geworden und hat nun — daraus sehen Sie, daß der Enthusiasmus nur so ein Sprühfeuer war — gerade in der letzten Zeit eine ganze Menge von solchen Seelensauce-Werken, nicht gerade Ralph Waldorine, aber andere aus dem Amerikanisch-Englischen ins Deutsche übersetzt. Man brauchte ja lange Zeit hindurch amerikanisch-englische Seelennahrung hier in Europa.

Fühlen wir doch nur, was zu tun ist, um eben diesem Gefühle zu entsprechen. In diesen Schriften und dann auch in der kleinen Schrift, die jetzt schon hier ist, «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft», versuchte ich zu zeigen, was gegeben werden kann auch denjenigen, die außerhalb unseres Kreises stehen. Natürlich kann gerade diese Schrift «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft» Menschen gegeben werden, die außerhalb unseres Kreises stehen, und es wird sich ja zeigen, ob Verständnis da ist für dasjenige, was gerade demjenigen als Aufgabe obliegt, der etwas begreift von der Notwendigkeit des
Einfließens geisteswissenschaftlicher Wahrheiten in unserer gegenwärtigen Zeit. Ich habe ja wahrhaftig im Laufe der Zeit nicht bloß diesen oder jenen abfälligen Satz gesagt, den ich gerade in dieser schweren Zeit zu Ihnen gesprochen habe, sondern ich habe die Dinge begründet, im einzelnen erzählt, das oder jenes belegt. Ich habeIhnen nicht bloß gesagt, daß die Philosophen Homunkeln sind, sondern ich habe Ihnen einen besonders charakteristischen Ausspruch erst das letzte Mal wieder angeführt und manches andere noch, um Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie die Dinge liegen, und wie in diesem ersten Drittel unserer fünften nachatlantischen Zeit alles nach dem Homunkulismus hin tendiert, nach der Geistesleerheit hin sich zu entwickeln sucht. Durchschauen müssen wird man immer mehr und mehr dasjenige, was Sie gerade in dem neuen Buch auseinandergesetzt finden werden:
den Unterschied zwischen einem bloß richtigen, logisch richtigen Begriff und einem wirklichkeitsgemäßen Begriff. Ein logisch richtiger Begriff braucht noch nicht wirklichkeitsgemäß zu sein. Und das versuchte ich besonders herauszuarbeiten, was ein wirklichkeitsgemäßes Denken ist. Darauf beruht so unendlich viel Jammervolles in unserem Geistesleben, daß die
Leute glauben, wenn sie irgend etwas logisch denken können, so sei das auch schon wirklichkeitsgemäß. Aber wirklichkeitsgemäßes Denken ist etwas anderes, als bloß richtiges Denken.
Wenn Sie hier einen Baumstamm liegen sehen: Er ist eine äußere Wirklichkeit.
Wenn Sie ihn denken, diesen Baumstamm, ist er keine Wirklichkeit, denn er kann nicht als solcher existieren. Er muß die Triebe in sich haben, die sich in Zweigen und Blättern und Blüten entwickeln.
Er ist eine wirkliche Lüge, ein «wirkliches Unwirkliches» ist er, der Baumstamm, weil das Bild, das er Ihnen bietet, nicht da sein kann.
Wirklichkeitsgemäß denkt nur derjenige, der fühlt, indem er einen Baumstamm denkt, daß er etwas Unwirkliches denkt. Und so be-
stehen die meisten der heutigen Wissenschaften aus Gedanken über Unwirklichkeiten. Die Geologie denkt heute die Erde rein mine-
ralisch. Aber dieses Mineralische der Erde gibt es gar nicht, esexistiert nicht für sich, geradesowenig, wie ein Baumstamm für sich existiert; denn das Mineralreich der Erde enthält schon die Pflanzen, Tiere und Menschen in sich, und nur, wenn man das letztere mit dem Mineral zusammengefügt denkt, denkt man eine Wirklichkeit. Die Geologie ist eine ganz unwirkliche Wissenschaft.
Das ist die eine Eigentümlichkeit dieses Buches, daß ich den Begriff der Wirklichkeit herauszuarbeiten versuchte. Die andere
Eigentümlichkeit ist, daß ich wenigstens die Anfangsgesichtspunkte geben wollte von einem imaginativen Denken, zu dem sich die
Menschen werden entwickeln müssen. Sie werden allerlei Vergleiche finden in dem Buche, das da erscheinen wird, indem nicht in abstrakt logischen Begriffsentwickelungen vorgegangen wird, sondern gesagt wird: Wenn einer zum Beispiel das atomistischaturwissenschaftliche Weltbild denkt, so ist es so, wie wenn er verlangen würde, daß das, was die Naturwissenschaft denkt, wirklich sei, wie wenn erglauben würde, wenn er einen Menschen malt, daß dann der gemalte Mensch herumgehen könne. — In solchen bildlichen Darstellungen ist versucht worden vorzugehen gerade in diesem Buche. Und man wird sehen, ob dieser eigentümliche Stil bemerkt wird. Es ist ein Anfang gemacht mit einer besonderen Art der Darstellung, die man sonst in
der Gegenwart nicht so leicht findet.
Aber man muß sich ganz klar darüber sein, wie weit entfernt im Grunde genommen die Gegenwart ist von einem unbefangenen Hin-
nehmen dieser Dinge. Die Gegenwart — ich habe es oft gesagt — ist ja so autoritätsgläubig wie nur irgend etwas. Sie sieht sich dann nicht an, was, sagen wir, hinter den Autoritäten steht. Die Autoritäten werden heute bemessen nach den Titeln und Ämtern, die sie haben, aber was dahinter steht, darauf kommt es ja an. Ich möchte Ihnen doch ein nettes Beispiel, das vor kurzem erzählt worden ist, geben, wie weit vorgeschritten in unserer Zeit der Homunkulismus schon ist,
wie weit vorgeschritten das Denken in der reinen Äußerlichkeit ist.
Da führt ein Mann ganz nett und gutmeinend — er ist gegen den Homunkulismus, wenn er auch nicht weiß, was er an die Stelle des
Homunkulismus setzen soll — einen interessanten Beleg an für dasjenige, was die Homunkulusse unserer Zeit für das eigentlich Große, Bedeutende halten. Es gibt ja heute schon viele, die als ihren Gott die Technik verehren; ich habe Ihnen besondere Beispiele vor einigen Wochen hier angeführt. Als Beleg aber, wie mächtig die Überzeugung von der Gottheit der Technik schon war, möge folgende Ungeheuerlichkeit angeführt werden, der ungeheuerliche Ausspruch eines ernsten Mannes gesetzten Alters, eines Arztes und Familienvaters, der — das wird uns alles gesagt — in nichts hervorragt oder vertieft ist, welcher also alle Bedingungen hat, um ein Urteil von der soliden Marke des gesunden Menschenverstandes abzugeben. Als die Welt der Zeitungen vor dem Kriege durch den kühnen Flug des französischen Aviatikers Pegoud in tiefes Staunen versetzt wurde, sagte jener Mann, der also ein Urteil ganz im Stile der Zeit gab, denn er ist «Arzt, Familienvater und in nichts hervorragend», hat daher alle Bedingungen zu einem soliden und gesunden Menschenverstand, über den Kulturwert der Flugmaschine ganz ernst und mit
festem Pathos: «Eine Schraube vom Flugapparat von Pegoud ist wichtiger als alle Philosophie von Kant und Schiller, und wenn ihr
wollt, als alle Philosophien aller Zeiten.» — Glauben Sie nicht, daß dies ein so seltener Ausspruch ist! Das ist schon dasjenige, was heute viele beherrscht als Gesinnung, und was sich immer mehr und mehr als Gesinnung herausarbeitet.
Man machte ja schon längst so seine Beobachtungen auf diesem Gebiete. Es ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her, ich hatte eine Reihe von öffentlichen Vorträgen gehalten, da lud mich auch eine Dame ein, ich solle in ihrem Salon Vorträge halten über Goethe.

Das habe ich auch dazumal getan, denn sie hat aus ihrem Kreise ein ganz großes Publikum zusammengebracht. Da sprach ich über Goethes «Faust» und einige andere Goethesche Dramen. Bei den Frauen ging es noch, aber die Männer haben meistens gesagt: Das ist ja nicht Dramatik, das ist eine Wissenschaft, der «Faust»! — Sie meinten nämlich, im Theater solle man Blumenthal sehen und nicht Goethes «Faust». — Ja, es ist schon so, daß man in der Gegenwart den Dingen zusteuert, die schließlich gipfeln in einem solchen Urteile, wie das Ihnen eben vorgelesene. Sehen Sie, jetzt geht ja manches schnell. So sind auch diese Memoiren — nicht Selbstgeschriebenes, sondern so Nachgeschriebenes von einem anderen, man kann es nicht gut Memoiren nennen — von einem jüngst verstorbenen, weitberühmten, naturforscherischen Gelehrten erschienen.

Es ist doch interessant, einen der Aussprüche dieses weltberühmten Mannes — ich mag gar nicht seinen Namen nennen, Sie würden staunen, was für ein weltberühmter Mann das ist — sich vor die Seele zu führen. Der Mann war also, wie gesagt, einer der berühmtesten Menschen der Gegenwart, groß in seinem Fach, und diese Größe soll ihm selbstverständlich in keiner Weise bestritten werden. Aber einer seiner Aussprüche ist: «Philosophie geht mich nichts an. Es ist mir ganz gleich, ob sich
die Sonne um die Erde, oder die Erde um die Sonne bewegt. Das würde mich nur interessieren, wenn ich mich mit Astronomie be-
schäftigte.» — Es ist ein Mann, der der Welt ein medizinisches Präparat übergeben hat, von dem alle Welt redet, der sich mit nichts befaßt hat, als mit diesem engsten Kreise, und der ruhig gesteht, es interessiere ihn nicht weiter, ob die Erde sich um die Sonne, oder die Sonne sich um die Erde bewege; damit würde er sich nur beschäftigen, wenn er Astronom wäre. Es ist derselbe Mann — es ist mir wahrhaftig nicht darum zu tun, irgend jemanden anzuschwärzen oder über irgend jemanden zu schimpfen, denn es ist ein zweifellos mit Berechtigung berühmter Mann auf seinem Gebiete —, der sich abends Klavier vorspielen ließ, aber die Musik so auffaßte, daß man durch sie «abgezogen» wird und sich daher besser im Denken konzentrieren
kann, so daß man eigentlich nichts von ihr hört. So ließ er sich jeden Abend Musik von seiner Frau vorspielen auf dem Klavier.
Er verstand gar nichts davon, es war ihm nur angenehm, daß er so abgezogen wurde. Nur sonnabends ließ er sich nicht vorspielen, denn da wartete er auf Wichtigeres. Da kam nämlich immer dasjenige, auf das er besonders brennend wartete: ein Detektivroman, ein ganz schauerlicher, in einem furchtbaren Einband. Und den las er mit ganz besonderem Behagen. Das war ihm noch lieber als das Klavierspiel, darum ließ er sich sonnabends nichts vorspielen. Ein Detektivroman, nicht wahr, wie sie so durch Kolporteure kommen — sie kommengewöhnlich auf der anderen Seite der Treppe, nicht durchs Vorderhaus! Wie gesagt, es ist das nicht vorgebracht, um über jemanden zu schimpfen, sondern um zu zeigen, wie diese unsere Zeit beschaffen ist. Und wir müssen doch bedenken:

Diese Autoritäten stehen hinter den Laboratoriumstischen, hinter den Seziertischen, von diesem Geiste beseelt ist schließlich dasjenige, was ja selbstverständlich äußerlich verdienstvoll sein kann, was aber dazu führen muß, daß allmählich unsere ganze Kultur, nicht nur unsere geistige, sondern unsere ganze Kultur, in Technizismus, das heißt in Homunkulismus übergeht. Diese Gefahr muß man erkennen, und man muß aus dieser Erkenntnis heraus versuchen, die Wege zu finden, durch die der
Geist an die Menschen herankommen kann. Wirklich nicht aus subjektiver Voreingenommenheit für die Geisteswissenschaft, son-
dern aus der Erkenntnis ihrer notwendigen Bedeutung für die Gegenwart sind die Dinge gesagt, die im Laufe dieses Winters gerade
hier gesagt worden sind, von denen ich glaube, daß es gut ist, wennsie in einige Seelen eindringen.
Der nächste Dienstag könnte uns wohl noch hier zusammenführen, denn das Buch wird wohl noch acht Tage in Anspruch nehmen.

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Die Wirkung der Kartoffelnahrung. Eiweiß, Fette, Kohlehydrate, Salze… R.Steiner
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