Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt / R. Steiner

Acryl/Sandgrundierung auf Holzpanele 50 x 50 cm

Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 26. November bis 31. Dezember 1922

Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion der Menschheit

Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 26. November bis 31. Dezember 1922Dornach, 15. Dezember 1922
Erinnern wir uns an die Auseinandersetzungen, die ich Ihnen für das Erleben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gegeben habe. Wir haben aus den verschiedenen Darstellungen die Einsicht gewinnen können, daß dieses Leben des Menschen, vor allen Dingen in seiner Hauptzeit, um die Mitte des Zeitraumes zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, daß der Mensch dann in Gemeinschaft lebt mit denjenigen Wesenheiten, welche in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» angeführt sind als die Wesenheiten der höheren Hierarchien. Dieses Leben mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien ist ein solches, wie es hier für den Menschen, der in seinem physischen Leibe wohnt, mit Bezug auf die Wesenheiten der drei Naturreiche ist.
Alles im Grunde genommen, was wir in unserer irdischen Umgebung haben, gehört den drei Naturreichen an: dem mineralischen oder dem pflanzlichen oder dem tierischen Reiche, oder eben dem physischen Menschenreich, das in dieser Beziehung auch zum Tierreich gerechnet werden kann. Der Mensch hat seine Sinne, und durch die Eindrücke seiner Sinne lebt er mit diesen Wesenheiten der drei Naturreiche zusammen. Dasjenige, was sich in seinem Fühlen ent-wickelt, das bezieht sich zunächst zwischen Geburt und Tod, insofern es durch Erleben mit der Umgebung gewonnen wird, auch auf diese drei Naturreiche; ebenso das, was aus dem Willen kommt, das mensch-liche Handeln. Der Mensch lebt also zwischen der Geburt und dem Tode eingewoben in dasjenige, was ihm seine Sinne geben aus den drei Naturreichen heraus.
So lebt der Mensch in der angedeuteten Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt innerhalb, man könnte sagen, der höheren Reiche, innerhalb der Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und dieses Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien ist eigentlich ein Tun, eine fortwährende Tätigkeit. Wir haben gesehen, daß der Geistkeim des physischen Leibes im Zusammenarbeiten mit diesen Wesenheiten der höheren Hierarchien zustande kommt. Hier auf der Erde fühlen wir uns, indem wir die Dinge wahrnehmen, oder indem wir unsere Handlungen innerhalb der Dinge der drei Naturreiche verrichten, außerhalb der andern Wesen. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gibt es einen Zustand, durch den wir uns ganz innerhalb dieser Wesenheiten der höheren Hierarchien befinden. Wir sind an diese Wesen hingegeben. Das ist der eine Zustand, in dem wir sind. Machen wir uns recht klar, wie er ist.
Wenn wir hier auf der Erde, sagen wir, eine Blume pflücken, dann ist der Tatbestand richtig gegeben, wenn wir sagen: Ich pflücke die Blume. – So ausgedrückt, wäre der Tatbestand nicht richtig gegeben für unser Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien. (1) Wenn wir da etwas tun im Zusammenhange mit diesen Wesen, so müssen wir sagen: Das andere Wesen tut in uns. Also wir sind in einem Zustande, durch den wir fortwährend gedrängt sind, die Tätigkeit, an der wir beteiligt sind, nicht als unsere Tätigkeit zu bezeichnen, sondern als die Tätigkeit dieser Wesen der höheren Hierarchien in uns. Wir haben ein kosmisches Bewußtsein. Ebenso wie wir hier Lunge, Herz und so weiter in uns fühlen, so fühlen wir dann die Welt in uns, aber die Welt der Wesenheiten der höheren Hierarchien und alles, was geschieht, geschieht durch eine Tätigkeit, in die auch wir selbst verwoben sind. Aber wenn wir den Tatbestand richtig bezeichnen wollen, so müssen wir sagen: Irgendein Wesen der höheren Hierarchien tut in uns. – Aber das ist nur der eine Zustand, und wir würden nicht in der rechten Weise Menschen sein können, wenn wir nur in diesem einen Zustande lebten. Wir würden diesen Zustand in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ebensowenig ertragen können, wie wir hier auf Erden das bloße Einatmen ohne das Ausatmen ertragen könnten. Dieser Zustand, den ich eben geschildert habe, muß mit einem andern wechseln. Und dieser andere Zustand besteht darin, daß wir durch unser kosmisches Bewußtsein alles Denken und Fühlen über die Wesenheiten der höheren Hierarchien auslöschen, daß wir auch allen Willen auslöschen, der in dieser Weise von den Wesenheiten der höheren Hierarchien in uns wirkt.
Also wir können sagen, es gibt solche Zeiten innerhalb des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo wir uns ganz ausgefüllt finden, lichtvoll ausgefüllt mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, wo wir diese in uns fühlen. (2) Aber es gibt einen andern Zustand, wo wir zuerst herabgedämpft und dann völlig ausgelöscht haben dieses ganze Bewußtsein von den in uns erscheinenden höheren Wesenheiten. Dann sind wir gewissermaßen, wenn wir jetzt irdische Ausdrücke gebrauchen, aus unserem Körper heraus – es ist ja alles geistig, aber sagen wir einmal so -, wir sind dann aus unserem Körper heraus. Wir wissen nichts von der Welt, die in uns lebt, aber wir sind in solchen Zuständen dann zu uns selbst gekommen. Wir leben nicht mehr in den andern Wesen der höheren Hierarchien, wir leben dann in uns selbst. Wir würden niemals zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ein Bewußtsein von uns selbst bekommen, wenn wir nur in dem einen Zustand leben würden. Ebenso wie wir hier auf der Erde das Einatmen mit dem Ausatmen abwechseln lassen müssen, oder den Schlaf mit dem Wachen, so müssen wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem rhythmischen Wechsel sein zwischen dem inneren Erleben von der ganzen Welt der höheren Hierarchien in uns und einem Zustande, in dem wir zu uns selbst gekommen sind.
Nun ist alles irdische Leben in gewissem Sinne eine Folge, eine Konsequenz desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im vorirdischen Dasein erlebt haben. Sie erinnern sich, wie ich Ihnen dargestellt habe, daß auch solche Errungenschaften des menschlichen Erdenlebens, wie Gehen, Sprechen, Denken, Umwandlungen sind von gewissen Betätigungen im vorirdischen Dasein. Wollen wir heute mehr auf das Seelische sehen.
(1) Kraft der Liebe
Was wir im vorirdischen Dasein im Zusammentun mit den Wesen der höheren Hierarchien erleben, läßt für unser Erdenleben gewissermaßen in uns eine Erbschaft zurück, einen schwachen Schatten dieses Zusammenlebens mit den Wesen der höheren Hierarchien. Hätten wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dieses Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien nicht, wir könnten hier auf der Erde nicht die Kraft der Liebe entfalten. Denn das, was wir hier auf der Erde als die Kraft der Liebe entfalten, ist allerdings nur ein schwacher Abglanz, ein Schatten des Zusammenlebens mit den Geistwesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber es ist doch eben ein Abglanz, ein Schatten von diesem Zusammenleben. Daß wir hier auf Erden Menschenliebe entfalten können, daß wir hier auf Erden Verständnis entfalten können für einen andern Menschen, rührt davon her, daß wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der Lage sind, mit den Wesen der höheren Hierarchien zu leben. Und man kann durch geisteswissenschaftliches Anschauen wohl sehen, wie diejenigen Menschen, die sich in früheren Erdenleben nur eine geringe Gabe erworben haben – wir werden gleich nachher darauf zu sprechen kommen, wie man sich diese Gabe erwirbt -, um nach dem Tode in der geeigneten Zeit mit den Wesen der höheren Hierarchien richtig zusammenzuleben, ganz hingegeben in gewissen Zuständen an diese Wesen der höheren Hierarchien, wie diese Menschen hier auf der Erde nur eine geringe Kraft der Liebe entfalten, namentlich der allgemeinen Menschenliebe, die sich ausdrückt im Verständnis der andern Menschen.
Unter den Göttern eignen wir uns im vorirdischen Dasein die Gabe an, hinzusehen auf den andern Menschen, aufzumerken, wie er fühlt, wie er denkt, aufzufassen mit innerem Anteil das, was er ist. Und hätten wir nicht – man kann es so nennen – den geschilderten Umgang mit den Göttern, wir würden auf der Erde niemals jenes Hineinschauen in den andern Menschen entfalten können, das allein im Grunde genommen das irdische Leben möglich macht. – Sie müssen sogar, wenn ich in diesem Zusammenhange von Liebe und namentlich allgemeiner Menschenliebe spreche, an die Liebe in dieser konkreten Bedeutung denken, wie ich sie eben geschildert habe: in der Bedeutung eines wirklich innigen Verständnisses des andern Menschen. Und wenn man zu der allgemeinen Menschenliebe dieses Verständnis des andern Menschen nimmt, dann hat man zu gleicher Zeit mit dem gegeben alles das, was menschliche Moralität ist. Denn die irdische menschliche Moralität beruht, wenn sie sich nicht in bloßen Phrasen oder schönen Redereien bewegt oder in Vorsätzen, die nicht ausgeführt werden oder dergleichen, auf dem Interesse, das der eine Mensch am andern nimmt, auf der Mögüchkeit, in den andern Menschen hinüberzuschauen.
Derjenige Mensch, der Menschenverständnis hat, wird aus diesem Menschenverständnis eben die sozial-moralischen Antriebe empfangen. So daß man auch sagen kann, alles moralische Leben innerhalb des Erdendaseins hat der Mensch errungen im vorirdischen Dasein, so errungen, daß ihm von dem Zusammenleben mit den Göttern der Drang bleibt, ein solches Zusammenleben wenigstens in der Seele auch auf Erden auszugestalten. Und dieses Ausgestalten eines solchen Zusammenlebens, so daß der eine Mensch mit dem andern die Erdenaufgaben, die Erdenmission vollbringt, das führt allein in Wirklichkeit zu dem moralischen Leben auf der Erde. Wir sehen also, daß Liebe und die Wirkung der Liebe, die Moralität, durchaus eine Folge, eine Konsequenz desjenigen sind, was der Mensch im vorirdischen Dasein geistig durchgemacht hat.
(2) Kraft der Erinnerung
Betrachten wir jetzt den andern Zustand, wo der Mensch sein Bewußtsein für das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien abgedämpft hat, wo gewissermaßen wie im irdischen Schlafe die Eindrücke aus der Umgebung schweigen, wo dieses willensmäßige Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien schweigt, wo der Mensch also zu sich selber kommt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Auch dieser Zustand hat eine Konsequenz, einen Nachklang, eine Erbschaft hier im Erdenleben, und das ist die Kraft der Erinnerung, des Gedächtnisses. Die Möglichkeit, daß wir Erlebnisse haben zu einer bestimmten Zeit und dann nach einiger Zeit aus den Tiefen unseres Menschenwesens etwas heraufholen können, was in unser Bewußtsein herein Bilder von diesen Erlebnissen bringt, also die Kraft des Gedächtnisses, die wir im irdischen Leben so notwendig haben, ist ein schwacher Abglanz, ein Schatten unseres selbständigen Lebens in der geistigen Welt. Wir würden hier auf der Erde nur im Augenblicke leben können, nicht in unserer ganzen irdischen Vergangenheit bis ein paar Jahre nach der Geburt hin, wenn wir nicht auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in die Lage kämen, gewissermaßen aus dem Weltenwesen herauszugehen und ganz mit uns selber zu sein.
Wenn wir hier auf Erden schlafen, da ist unser physischer und unser Ätherleib im Bette. Unser astralischer Leib und unser Ich sind außerhalb dieses physischen und dieses Ätherleibes, sie sind in der Lage, allerdings unbewußt, mitzuerleben, was dann in der geistig-seelischen Umgebung des Menschen ist. Der Mensch ist unbewußt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Daß der Mensch Erlebnisse hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, habe ich Ihnen geschildert. Ich habe Ihnen auch die einzelnen Erlebnisse geschildert, aber ins Bewußtsein kommen die Erlebnisse nicht herein. Das muß im irdischen Leben so sein. Warum? Würden wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe das, was wir erleben, so stark erleben, daß wir es zum Bewußtsein bringen könnten, dann würden wir jedesmal, wenn wir aufwachen, das, was wir erlebt haben im Schlafe, auch in den physischen und in den Ätherleib hineindrücken, und wir würden jedesmal unseren physischen und unseren Ätherleib zu einem ganz andern machen wollen. – Wer eine Kenntnis hat von dem, was zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt wird, der muß sich eine große Entsagung angewöhnen. Der muß sich nämlich sagen können: Ich verzichte darauf, das, was ich zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen mit meinem Ich und mit meinem astralischen Leibe erlebe, in den physischen und in den Ätherleib hineindrücken zu wollen, denn die vertragen das nicht in der Zeit des Erdenlebens.
Man könnte manchmal über diese Dinge grotesk reden; dann sieht es fast komisch aus, aber die Dinge sind sehr ernst gemeint. So erlebt der Mensch tatsächlich, wie ich einmal hier habe schildern können, eigentlich Nachbilder des Kosmos. Dadurch ist er immer versucht, aus dem Schlaf heraus zum Beispiel sich ein anderes Antlitz zu geben. Würde das, was nicht zum Bewußtsein kommt, zum Bewußtsein des Menschen kommen, so würde er fortwährend sein Gesicht ändern wollen, weil ihn dieses Gesicht, das er hat, fortwährend wieder an frühere Erdenleben, an Sünden in früheren Erdenleben erinnert. Es ist im Menschen am Morgen vor dem Aufwachen schon ein starker Drang vorhanden, mit dem physischen Leib so etwas zu machen, wie wenn man ihm Kleider anzieht. Wer Kenntnis davon hat, muß bewußt darauf Verzicht leisten, sonst würde er ganz und gar in Unordnung kommen, er würde fortwährend seinen ganzen Organismus ändern wollen, insbesondere, wenn dieser Organismus nach irgendeiner Richtung nicht ganz gesund ist und dergleichen.
Aber wenn wir in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind, da erleben wir so bewußt, daß dieses Bewußtsein dahin führt, unseren nächsten physischen Leib zu gestalten. Wäre uns das ganz selbst überlassen, dann würden wir diesen physischen Leib nicht nach dem Karma gestalten. Aber wir gestalten ihn im Zusammenhange mit den Wesen der höheren Hierarchien, die über unser Karma wachen. Und so bekommen wir zum Beispiel diejenigen Augen, diejenige Nase und so weiter, die wir uns selber wohl kaum geben würden, denn wir sind in gewissen Augenblicken zwischen dem Tode und einer neuen Geburt außerordentlich egoistisch, gerade dann, wenn wir dieses Bewußtsein des Zusammenhanges mit den Wesen der höheren Hierarchien abgedämpft haben, denn dann erleben wir so stark, daß der physische Leib aus den Kräften dieses Erlebens gestaltet werden kann. Wir gestalten ihn ja auch. Das ist also ein viel intensiveres Erleben, ein Leben, das den Keim des Schaffens in sich hat. Und eben, indem es im Erdenleben ganz abgeschwächt ist, erlebt es sich zum Teil als die irdische Liebe, zum Teil, wie ich dargestellt habe, als die Erinnerung, die Erinnerungsfähigkeit, als das Gedächtnis.
– Gestaltungskraft
Von diesem Gedächtnis hängt es hier auf Erden ab, daß wir uns so recht in einem Ich fühlen. Würden wir nur in der Gegenwart leben, keine Erinnerungen haben, so würde unser Ich keinen inneren Zusammenhang haben. Wir würden uns überhaupt – ich habe das schon öfter ausgeführt – nicht in einem ausgesprochenen Ich fühlen können. Aber Sie sehen zugleich, diese Erinnerung kommt als irdische schattenhafte Fähigkeit dadurch zustande, daß in der geistigen Welt im vorirdischen Dasein eine mächtige Fähigkeit vorhanden ist: die Fähigkeit, die wir, ich möchte sagen, nach den Anweisungen der Wesenheiten höherer Hierarchien bekommen, wenn wir in dem andern Zustand mit ihnen leben, die Fähigkeit, daß wir nach den Anweisungen dieser Wesenheiten der höheren Hierarchien dann, wenn wir zu uns selbst kommen, unseren Leib vorbereiten. Was also in unserem Leibe als Gestaltungskraft wirkt, was noch im Kinde als Gestaltungskraft nachwirkt, solange das Kind kein zum Gedächtnis führendes Bewußtsein hat, wie es in den ersten kindlichen Lebenszeiten der Fall ist, diese stärkere Kraft sehen wir, wie sie noch in die Wachstumskräfte hineingeht. Dann sondert sich gewissermaßen etwas aus diesen stärkeren Kräften aus, was dünner ist, feiner ist, und das ist die menschliche Erinnerungsfähigkeit, das ist das Gedächtnis.
Mit diesem Gedächtnis hängt es wiederum zusammen, daß der Mensch vor allen Dingen auch auf Erden mit sich selbst lebt. Dieses Gedächtnis hängt aber auch sehr stark zusammen mit dem, was auf der einen Seite der menschliche Egoismus und auf der andern Seite die menschliche Freiheit ist. Freiheit wird entstehen bei einem Menschen, der richtig nachlebt, was im vorirdischen Dasein als eine Art Rhythmus erlebt werden muß: Sich-Fühlen mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, herauskommen aus diesem Sich-Fühlen, dann wieder hineinkommen und so weiter. Hier lebt es sich nebeneinander aus, nicht als ein Rhythmus, sondern als zwei nebeneinander bestehende Fähigkeiten des Menschen: die Fähigkeit zur Liebe, die Fähigkeit des Gedächtnisses. Aber es kann dem Menschen eine gewisse Erbschaft dieses Rhythmus im vorirdischen Dasein bleiben. Dann werden das Gedächtnis und die Liebe zueinander auch im Erdenleben das richtige Verhältnis haben. Der Mensch wird auf der einen Seite Verständnis, liebevolles Verständnis entwickeln können für die andern Menschen, und er wird auch in sein erinnerndes Denken hereinnehmen, was ihm selber zu seiner eigenen Vervollkommnung, zu der eigenen Verfestigung seines Wesens werden kann aus dem Erleben der Welt mit andern Menschen.
– Egoismus
Es kann ein solches richtiges Verhältnis zurückbleiben aus dem notwendigen Rhythmus im vorirdischen Dasein, aber es kann auch dieses Verhältnis gestört sein, so daß der Mensch zum Beispiel immerfort sich auf das richtet, was er selber erlebt hat. Das ist ganz besonders dann der Fall, wenn der Mensch wenig Interesse dafür hat, was die Menschen außer ihm erleben, wenn er wenig hinüberschauen kann in die andern Gemüter, wenn er vorzugsweise das Interesse für dasjenige entwickelt, was sich allmählich in seinem eigenen Erinnern, in seinem eigenen Gedächtnis ansammelt, denn das hängt wiederum innig zusammen mit seinem Ich, das verstärkt den Egoismus.
Ein solcher Mensch kommt gewissermaßen dadurch in Unordnung mit sich selber, daß er nicht dieses zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ganz bestimmt richtige Verhältnis, daß er nämlich nicht einen Rhythmus hat. Und zu gleicher Zeit, wenn der Mensch nur für das Interesse bekommt, was in seinem eigenen Seelenwesen sich aufspeichert, wenn er sich gewissermaßen immer nur mit sich selber beschäftigt, dann speichert sich auf, ich möchte sagen, eine Talentlosigkeit gegenüber dem Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Durch dieses Nur-für-sich-selbst-Interessiertsein verschließt sich der Mensch in einer gewissen Beziehung für das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien.
Derjenige aber, der das richtige Verhältnis hat zwischen Liebe und Gedächtnis, entwickelt statt des bloß egoistisch In-sich-Hineinschauens das menschliche Freiheitsgefühl. Denn dieses menschliche Freiheitsgefühl ist in anderer Beziehung auch ein Nachklang des Heraustretens aus dem Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man möchte sagen: Das Freiheitsgefühl ist das gesunde Nacherleben dieses Heraustretens; der Egoismus ist das kranke Nacherleben dieses Heraustretens. – Und so, wie das Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Grundlage der Moralität des Menschen auf Erden ist, so ist das Heraustreten aus diesem Zusammenleben, das notwendig ist, zugleich auf Erden die Grundlage für die Unmoralität der Menschen, für das Auseinandergehen der Menschen, für das Handeln der Menschen so, daß die Handlungen des einen die Handlungen des andern stören und so weiter, denn darauf beruht dennoch alle Unmoralität. Sie sehen, daß der Mensch nötig hat, darauf zu achten, inwiefern irgend etwas, was hier auf der Erde als eine Schädlichkeit auftreten kann, für die höheren Welten eine bestimmte Bedeutung hat. Es ist auch auf Erden so, daß die Einatmungsluft gesund, die Ausatmungsluft ungesund, ja krankmachend ist, denn wir atmen Kohlensäure aus. So ist das, was hier auf Erden die Grundlage der Unmoralität ist, etwas, was notwendig ist für unser Erleben in der geistigen Welt.
– Das Moralische
Diese Zusammenhänge muß man aus dem Grunde betrachten, weil aus den irdischen Verhältnissen heraus Moralität und Unmoralität eigentlich nicht zu erklären sind. Wer solche Erklärungen versucht, wird immer fehlgehen müssen. Denn dadurch, daß der Mensch moralisch oder unmoralisch ist, setzt er sich schon seelisch in eine Beziehung zu einer Welt, die im Übersinnlichen liegt. Und wir dürfen sagen: Indem anthroposophische Geisteswissenschaft in der angedeuteten Weise des Menschen Sinn hinneigen macht zur Betrachtung dieses Verhältnisses zu einer übersinnlichen Welt, macht sie eigentlich erst möglich, daß man eine Grundlage bekommt, um das Moralische ins Auge zu fassen. Für die Betrachtungsweise der Welt, die nur eine Naturerkenntnis zugeben will, kann das Moralische nur in Scheinbildern, in Illusionen bestehen, die sich aus den Naturvorgängen heraus ergeben, die sich auch im Menschen abspielen sollen.
Nehmen Sie einmal an, es wäre wirklich so, daß am Beginne des Erdendaseins der Kant-Laplacesche Weltnebel mit seinen mechanischen Kräften und mechanischen Gesetzen stände, und nehmen Sie an, aus diesen wirbelnden Nebelmassen hätten sich nach und nach durch gleichgültige, neutrale Naturgesetze die Reiche des irdischen Daseins ergeben, und es wäre zuletzt der Mensch aus alldem heraufgestiegen, dann wären eben seine moralischen Impulse Träume. Denn alles dasjenige, was er moralisch nennt, würde vergehen, wenn die Erde wiederum nach mechanischen Gesetzen am Ende angelangt und im Wärmetod verschwinden würde. Aus einer solchen Anschauung kann niemals eine Rechtfertigung des moralischen Lebens folgen, wenn man ehrlich die letzten Konsequenzen dieser Weltanschauung zugeben will. Eine Rechtfertigung des Moralischen ergibt sich einzig und allein dadurch, daß man, so wie es anthroposophische Geisteswissenschaft tut, diejenigen Gebiete des Daseins aufzeigt, wo das Moralische eine solche Realität hat wie das Natürliche hier in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Wie hier Pflanzen wachsen und blühen, so entwickeln sich gewisse Betätigungen, wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt unter den Göttern ist. Und diese Betätigungen sind das Moralische in Realität, sind die Wirklichkeit des Moralischen. Dieses Moralische hat da Realität, während auf der Erde nur ein Abglanz von dieser Realität vorhanden ist. Aber der Mensch gehört eben beiden Welten an. Daher hat für ihn, wenn er das richtig durchschaut im geisteswissenschaftlichen Sinne, die moralische Welt eine ebensolche Realität, nur kann man sie niemals aus dem physischen Dasein heraus erkennen.
Dadurch aber haben Sie die eine Notwendigkeit gegeben, warum es für den Menschen notwendig ist, sich Geisteswissenschaft anzueignen. Der Mensch könnte ohne diese Geisteswissenschaft nicht ehrlich sein mit seinem Wissen, denn er könnte nicht der moralischen Welt Realität zuerkennen, weil er das Gebiet nicht erforschen will, dem die Realität der moralischen Welt angehört. Das ist etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, solch einen Satz in der richtigen Weise zu verstehen.
– Zusammenhang im Zeitgeschehen
Aber noch in einer andern Beziehung möchte ich Ihnen gerade heute hervorheben, inwiefern das Wissen, das durch die Geisteswissenschaft erworben werden kann, für den Menschen eine Notwendigkeit ist. Auch da werden wir wiederum hinblicken müssen auf die Realitäten einer andern Welt. Schon wenn man nur bis zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, bis zu derjenigen Erkenntnis, die einem also gestattet, statt in der physischen Welt in der Ätherwelt zu leben, so daß man statt der physischen Dinge die Tätigkeiten im Äther wahrnimmt – denn Tätigkeiten sind es -, schon wenn man dazu aufsteigt, entfällt einem der Raum, so wie er auf der Erde hier ist. Der dreidimensionale Raum entfällt einem. Es hat keinen Sinn, von dem dreidimensionalen Raum zu sprechen, denn im wesentlichen leben wir dann in der Zeit. Deshalb habe ich Ihnen auch hier bei andern Betrachtungsweisen den Ätherleib als einen Zeitorganismus dargestellt. So wie wir hier im Raumesorganismus zum Beispiel den Kopf haben und, sagen wir das Bein, und wie Sie es im Kopfe spüren, wenn Sie sich in das Bein stechen oder schneiden, wie also ein Organ mit dem andern räumlich für diesen Raumesleib zusammenhängt, so hängen im Zeitenleibe, der in Geschehen besteht, in Geschehen von alledem, was tiefer zugrunde liegt unserem Menschenwesen zwischen der Geburt und dem Tode, so hängen da alle diese Einzelheiten zusammen.
Erinnern Sie sich, wie ich in Vorträgen zum Beispiel über Pädagogik gesagt habe: Wenn man in einer gewissen Zeit des Kindesalters verehren gelernt hat, verwandelt sich diese Kraft der Verehrung im späteren Alter in eine gewisse segnende Milde, die man für andere Menschen haben kann, während derjenige, der in der Kindheit niemals die Gelegenheit gehabt hat, richtig zu verehren, diese segnende Milde nicht entfalten kann im späteren Alter. – So wie der Fuß oder das Bein mit dem Kopf zusammenhängt im Raumesorganismus, so hängt die Jugend mit dem Alter zusammen, und ich könnte auch sagen, das Alter mit der Jugend. Denn nur für das äußere physische Anschauen verfließt die Welt nach einer Seite, von der Vergangenheit nach der Zukunft. Für das höhere Anschauen gibt es auch den umgekehrten Strom: von der Zukunft in die Vergangenheit. Wir gehen in diesen Strom, wie ich beschrieben habe, ein nach dem Tode, rückwärts wandernd. Es hängt auch in diesem Zeitenorganismus alles zusammen. Ebenso wie Sie aus dem Raumesorganismus gewisse Organe nicht entfernen können, wie sie da sein müssen, damit der ganze Organismus in Ordnung ist, wie Sie zum Beispiel nicht einen großen Teil. Ihres Gesichtes entfernen können, ohne den Organismus zu zerstören, ebensowenig können Sie aus dem, was am Menschen in der Zeit fortfließt, irgend etwas entfernen.
Nun denken Sie, es wäre am Raumesorganismus an der Stelle, wo Sie Ihre Augen haben, ein ganz anderes Wachstum, so daß nicht Augen entständen, sondern irgendwie Geschwülste. Dann könnten Sie nicht sehen. Wie die Augen am Raumesorganismus an einer bestimmten Stelle sind, so ist im Zeitorganismus – und mit dem meine ich jetzt nicht nur den Zeitorganismus zwischen Geburt und Tod, sondern den Zeitorganismus, der über alle Tode und alle Geburten beim Menschen hinausgeht -, eingegliedert dasjenige, was zwischen Geburt und Tod ist und sich in diesem Dasein zwischen Geburt und Tod durch Begriffe, durch Ideen, durch Vorstellungen einer geistigen Welt entwickelt. Und das, was sich da entwickelt, sind die Augen für das übersinnliche Dasein. Wenn Sie hier zwischen der Geburt und dem Tode kein Wissen über die übersinnliche Welt entwickeln, so bedeutet das für das Dasein in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ein Geblendetsein, wie das Fehlen der Augen am Raumesorganismus ein Geblendetsein bedeutet. Man geht durch den Tod, auch wenn man hier auf der Erde kein Wissen von der übersinnlichen Welt entwickelt, aber man tritt in eine Welt ein, in der man nichts sieht, sondern in der man sich nur forttasten kann.
Das, meine lieben Freunde, ist der ungeheure Schmerz, der, ich möchte sagen, als das Gegenbild des materialistischen Zeitalters für denjenigen erscheint, der heute in die Initiationswissenschaft richtig hineinschaut. Er sieht, wie auf der Erde die Menschen in den Materialismus verfallen. Er weiß aber auch, was dieses Verfallen in den Materialismus für das geistige Dasein bedeutet, er weiß, daß das ein Augenausreißen ist, daß es bedeutet, daß die Menschen im Dasein, das ihrer nach dem Tode wartet, nur tasten können. In älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung, wo es ein instinktives Wissen von der übersinnlichen Welt gab, traten die Menschen durch die Pforte des Todes, indem sie sehen konnten. Dieses alte instinktive übersinnliche Wissen ist erloschen. Heute muß bewußt geistiges Wissen erworben werden, wohlgemerkt: geistiges Wissen, nicht Hellsehen! Ich habe immer betont: Hellsehen kann auch erworben werden, aber das ist es nicht, worauf es ankommt, sondern das Verstehen desjenigen, was durch die hellseherische Forschung zustande kommt, durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, denn es kann dadurch verstanden werden.
Wer behauptet, daß das gewöhnliche Wissen durch den gesunden Menschenverstand ihm nicht das Auge gibt für das übersinnliche Dasein, daß er dazu Hellsehen braucht – Hellsehen braucht man, um die Dinge zu erforschen, aber man braucht es nicht, um sich die Fähigkeit des Sehens in der übersinnlichen Welt nach dem Tode zu erwerben -, wer das behauptet, der mag nur gleich behaupten, man könne nicht denken, wenn nicht die Augen denken. So wenig die Augen hier im physischen Leben zu denken brauchen, so wenig braucht das Wissen von den übersinnlichen Welten für dasjenige, was ich heute angedeutet habe, die Hellsichtigkeit zu haben. Es würde auf der Erde natürlich kein übersinnliches Wissen geben, wenn es nicht eine Hellsichtigkeit
gäbe, aber selbst der Hellseher muß in gewöhnliches Begreifen verwandeln, was er im Übersinnlichen schaut. Würde ein Mensch hier auf Erden noch so hellsehend sein, würde er noch so klar in die geistige Welt hineinschauen – wenn er zu bequem wäre, das, was er schaut in der geistigen Welt, in ordentliche, logisch begreifbare Vorstellungen zu verwandeln, er würde dennoch nach dem Tode in der geistigen Welt geblendet sein.
Das, sage ich, ist der große Schmerz für den, der in die Initiationswissenschaft der Gegenwart hineinschaut, daß er sich sagen muß: Der Materialismus macht die Leute blind, wenn sie durch die Pforte des Todes treten. – Und da haben wir wiederum etwas, an dem man sieht, daß es für die Realität, für das ganze Weltendasein eine Bedeutung hat, ob der Mensch sich heute hinneigt zu einem übersinnlichen Wissen oder nicht. Die Zeit, wo er das tun soll, ist eben gekommen. Es liegt im Fortschritt der Menschheit, heute zu übersinnlichem Wissen aufzusteigen.
GA 219 S.59-72 /4.Vortrag, 15.12.1922. Auflage 1994
RUDOLF STEINER
Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion der Menschheit
Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 26. November bis 31. Dezember 1922

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