Der Zugang zur geistigen Erkenntnis der Weltenordnung – das Leben mit den Toten / R.Steiner

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Es wird bei diesem Thema dringend empfohlen, sich erst mit den Grundlagen der Anthroposophie zu beschäftigen:
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Aus:

RUDOLF STEINER
Der Tod
als Lebenswandlung – GA 182

Sieben Vorträge, gehalten in verschiedenen Städten zwischen dem 29. November 1917 und 16. Oktober 1918

Vortrag:
DAS SICH-AUFBÄUMEN DER MENSCHEN GEGEN DEN GEIST

Hamburg, 30. Juni 1918

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Inhaltsübersicht:
Woher es denn eigentlich komme, daß in der Gegenwart noch verhältnismäßig wenig Menschen den Zugang finden zur geistigen Erkenntnis der Weltenordnung…
Das Verhältnis zu den sogenannten Toten wird immer wieder und wiederum ein höchstes Interesse abgeben für das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt…
…von Verhältnissen zu den sogenannten Toten sprechen, in denen Sie alle drinnenstehen. Nur liegt das Drinnenstehen zunächst im Unbewußten. Geisteswissenschaft hat die Dinge ins Bewußtsein heraufzuholen…
Sie stehen ja immer in Verhältnissen zu irgendwelchen karmisch mit Ihnen verbundenen Toten…
…eine wichtige Regel ins Auge zu fassen, nämlich, daß abstrakte Gedanken, abstrakte Vorstellungen am wenigsten Bedeutung haben für die geistige Welt…
Die Zeit ist wirklich etwas, was für das geistige Leben eine ganz andere Bedeutung noch hat, als hier im physischen Dasein…
Der Augenblick des Überganges vom Wachen zum Schlafen ist zugleich der Augenblick, der zumeist das, was Sie in des Tages Lauf an den Toten gerichtet haben, wie ich es geschildert habe, zum Toten hinüberträgt…
Die Menschen wollen sich gerne von der Außenwelt nur beeindrucken lassen, wollen nur das aufnehmen, was Außenwelt ist; sie möchten sich am liebsten betäuben gegen das, was aus der Tiefe der Seele heraufsteigt…
Die Toten wollen noch hereinwirken in das physische Leben, aber sie können es nur auf dem Umwege durch Menschenseelen
Es gibt heute gewisse, nun, sagen wir Geheimgesellschaften; sie pflegen allerlei alte Symbole. Sie täten besser, wenn sie ihre Zeit verstehen würden und sich zu Stätten machen würden, wo erforscht wird der Ratschlag der Toten…
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DAS SICH-AUFBÄUMEN DER MENSCHEN GEGEN DEN GEIST:

Wir sind ja öfter an die Frage herangetreten, die uns alle interessieren muß: Woher es denn eigentlich komme, daß in der Gegenwart noch verhältnismäßig wenig Menschen den Zugang finden zur geistigen Erkenntnis der Weltenordnung. Von den allerverschiedensten Gesichtspunkten aus kann diese Frage beantwortet werden.

Wir wollen heute eines Gesichtspunktes gedenken, der uns dann gewisse Gedanken nahebringen kann, die vielleicht gerade in deregenwärtigen Zeit in uns aufzunehmen ganz wichtig sein kann.
Wenn wir des Menschen Verhältnis zur geistigen Welt ins Auge fassen, so interessiert uns natürlich verschiedenes auf diesem Gebiet.
Eines, das uns ganz vorzüglich interessiert, ist das Verhältnis, in dem der Mensch stehen kann zu jenen Menschenseelen, die aus seinem Kreise heraus, aus dem Kreise heraus, mit dem er karmisch verbun-
den ist, durch des Todes Pforten gegangen sind, also sich bereits im geistigen Reiche aufhalten. Das Verhältnis zu den sogenannten Toten wird immer wieder und wiederum ein höchstes Interesse abgeben für das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt. Gerade an diesem Verhältnis zeigt sich ganz besonders, wie prinzipiell anders die Anschauung der geistigen Welt an den Menschen herantritt als die Anschauung der physisch-sinnlichen Welt.

Ich habe es ja öfters erwähnt: Wenn sich der Mensch der geistigen Welt gegenüberstellt, so kommt es sehr häufig vor, daß er geradezu radikal brechen muß mit den Vorstellungen, die er sich über das physische Dasein gebildet hat; radikal brechen deshalb, weil die Dinge und die Vorgänge der geistigen Welt oftmals gerade durch entgegengesetzte Begriffe er-
faßt werden müssen als die Dinge der physischen Welt. Nur darf man nicht glauben, daß man zu einer Erkenntnis der geistigen Welt kommen kann, wenn man sich etwa vorstellt, daß man die physische Welt nur einfach auf den Kopf zu stellen, alles umzukehren brauche. Das ist nicht der Fall. Es muß jedes einzelne besonders erfahren, besonders untersucht werden.

Aber gerade wenn es sich um das Verhältnis des Menschen zu den sogenannten Toten handelt, da liegt – für die Anschauung zunächst wenigstens – die Sache allerdings so, daß wir den gewöhnlichen, den physischen Begriffen entgegengesetzte Begriffe uns aneignen müssen.
Der Geistesforscher kann zunächst nur erzählen, wie die Dinge sind. Dasjenige, was er insbesondere aber über das Verhältnis zu den sogenannten Toten zu erzählen hat, das ist in der Wirklichkeit bei jedem Menschen mehr oder weniger vorhanden, nur bleibt es, wenn der Mensch nicht ein Geistesforscher ist, im Unterbewußten.

Ich werde also Dinge erzählen, die für Sie alle vorhanden sind. Ich werde von Verhältnissen zu den sogenannten Toten sprechen, in denen Sie alle drinnenstehen. Nur liegt das Drinnenstehen zunächst im Unbewußten. Geisteswissenschaft hat die Dinge ins Bewußtsein heraufzuholen.
Nehmen Sie einmal an: Derjenige, dem sich die geistige Welt geoffenbart hat, steht einem bestimmten Toten gegenüber. Da zeigt sich, daß, wenn wir uns sprechend an den Toten richten, wir dies dann selbstverständlich nicht mit physischen Worten tun, sondern in Gedanken. Wenn wir uns denkend-sprechend an den Toten wenden, dann tritt, wenn das Verhältnis zum Toten ein reales, ein wirkliches ist, das Empfinden ein: Das, was man selbst den Toten frägt, oder was man dem Toten mitteilt, das kommt von ihm.

Nicht wahr, aus dem physischen Leben sind wir gewöhnt, uns die Sache so vorzustellen: Wenn wir irgend jemanden etwas fragen, ihm etwas sagen, so hören wir uns selbst sprechen, wir richten die Worte an ihn. Gerade umgekehrt ist es, wenn wir in das Verhältnis zum Toten treten. Da haben wir, wenn wir ihm etwas mitteilen wollen und das Verhältnis ein wirkliches sein soll, das Gefühl:
Wir selbst sind innerlich in aller Ruhe. Denn wenn dasjenige, was wir zu fragen oder mitzuteilen haben, wirklich an ihn herankommt, dann scheint es uns für die Anschauung so, als ob die Worte, also die Gedanken, von ihm zu uns kämen.

Da spricht er zu uns. Und was er uns sagt, das steigt aus den Tiefen unserer eigenen Seele als eine Antwort oder
als Mitteilung herauf. Das Verhältnis, das ich eben geschildert habe, das ganz umgekehrt ist zum Verhältnis, in dem wir stehen zu einem Menschen auf dem physischen Plan, das ist natürlich etwas, worauf der Mensch deshalb im gewöhnlichen Leben nicht leicht aufmerksam wird, weil es ganz anders ist als das, woran er gewöhnt ist. Wür-
de es der Mensch nicht so außergewöhnlich schwer damit haben, sich an Ungewohntes zu gewöhnen, so würden viel mehr Menschen erzählen können von ihrem Verhältnis zu den Toten.

Nehmen Sie einen besonderen Fall. Sie stehen ja immer in Verhältnissen zu irgendwelchen karmisch mit Ihnen verbundenen Toten. Wenn Sie dieses Verhältnis zu einem besonders innigen, zu einem besonders realen gestalten wollen, dann tun Sie gut, vorerst eine wichtige Regel ins Auge zu fassen, nämlich, daß abstrakte Gedanken, abstrakte Vorstellungen am wenigsten Bedeutung haben für die geistige Welt. Alles, was im Abstrakten bleibt, das reicht nicht hinüber in die geistige Welt. Also wenn Sie nur in abstracto, sagen wir, an den Toten denken, wenn Sie – man kann das auch so sagen – abstrakt den Toten lieben, so kommt nicht viel hinüber. Dagegen wenn Sie stark dieses Verhältnis an Konkretes anknüpfen, dann kommt es hinüber. Ich meine so: Sie erinnern sich zum Beispiel an eine bestimmte Situation, in der Sie, als der Tote noch lebte, mit ihm waren. Sie stellen sich ganz genau gegenständlich vor: So stand oder saß er Ihnen gegenüber, so gingen Sie mit ihm auf einem Spaziergang. Sie stellen sich ihn in ganz konkreten Situationen vor, malen sich aus, wie es war, was er gesagt hat, was Sie zu ihm gesagt haben, malen sich aus den Ton seiner Stimme und versuchen – was ja das Schwierigste ist -, die Gefühle, die Sie ihm gegenüber gehegt haben, wiederum in Ihrer Seele gegenwärtig werden zu lassen.

An Bestimmtes, das Sie mit ihm erlebt haben, knüpfen Sie an. Und dann versuchen Sie, von da ausgehend, sagen wir, etwas zum Toten zu sagen, was Sie, wenn er noch lebte, aus irgendeiner Situation heraus sagen würden, was Sie ihn fragen wollen, was Sie ihm sagen wollen.
Und das machen Sie so durch, wie wenn er noch da wäre, wiederum ganz konkret. Das reicht hinüber. In dem Augenblick, in dem Sie das Gefühl haben: Jetzt teile ich dem Toten etwas mit -, oder: Jetzt frage ich den Toten noch etwas -, da wird die Verbindung sich aller dings nicht unmittelbar herstellen. Man muß in dieser Beziehung mit der Zeit rechnen.

Die Zeit ist wirklich etwas, was für das geistige Leben eine ganz andere Bedeutung noch hat, als hier im physischen
Dasein.
Wenn Sie selbst auch nicht Geistesforscher sind, so können Sie doch durchaus, so daß es eine Wirklichkeit ist, durch das, was ich eben charakterisiert habe, eine Verbindung mit dem Toten herstellen. Aber es wird gewissermaßen sich die Zeit selber abwarten, damit dasjenige, was Sie einem Toten hinübersenden wollen, wirklich zu ihm hinüberkommt. Zumeist wird sich bei dem, der nicht bewußt eingeweiht ist, der nicht bewußt eine Beziehung zur geistigen Welt hat, die Sache so stellen, daß ein Augenblick besonders wichtig sich ausnimmt für die Herstellung dieses Verhältnisses zum Toten:
das ist der Augenblick des Einschlafens.

Der Augenblick des Überganges vom Wachen zum Schlafen ist zugleich der Augenblick, der zumeist das, was Sie in des Tages Lauf an den Toten gerichtet haben, wie ich es geschildert habe, zum Toten hinüberträgt. Der Weg, der
Sie selber hineinführt in die geistige Welt mit dem Einschlafen, der führt das, was Sie zum Toten hinaufgerichtet haben, auch in das Reich des Toten hinein. Daher müssen Sie vorsichtig sein in der Auslegung von Träumen. Träume sind sehr häufig nur Reminiszenzen, Erinnerungen an das Tagesleben, aber sie brauchen es nicht zu sein; sie können durchaus Spiegelungen von Wirklichkeiten sein.
Und insbesondere sind – nicht immer, aber sehr häufig – diejenigen Träume, in denen von Toten geträumt wird, tatsächlich herrührend von dem Zusammenhang mit wirklichen Toten. Aber die Menschen glauben gewöhnlich, was ihnen im Traum erscheint, was ihnen der Tote mitteilt, das sei so unmittelbar eine Wirklichkeit, wie es im Traume erscheint.

So ist es nicht, sondern was Sie mitteilen wollten an den Toten beim Einschlafen, das nimmt der Tote auf, und was im
Traume erscheint, das ist, wie er es aufnimmt. Also gerade wenn der Tote im Traume Ihnen etwas mitteilt, so ist es dasjenige, was Ihnen anzeigen soll, daß Sie ihm etwas mitteilen konnten. Da haben Sie das, was ich charakterisiert habe: Sie können viel eher, als daß Sie glauben, im Traume erscheine Ihnen der Tote und sage Ihnen etwas, sagen: Ich habe geträumt vom Toten, also ist das, was ich dem Toten gesagt habe, wirklich an den Toten herangekommen; er zeigt
mir, indem ich von ihm träume, daß das zu ihm gelangt ist, was ich ihm mitteilen wollte.

Für das Zurückkommen einer Mitteilung des Toten – sagen wir einer Antwort oder dergleichen – ist wiederum der Moment des Aufwachens von besonderer Bedeutung. Herübergetragen wird aus den geistigen Reichen das, was der Tote uns Lebenden, wie wir sagen, mitzuteilen hat, im Moment des Aufwachens. Und dann kommt es aus den Tiefen der eigenen Seele herauf. Das ist den Menschen eigentümlich, daß sie nicht gerne achtgeben auf dasjenige, was aus den Tiefen der eigenen Seele heraufkommt.

In unserer Zeit haben die Menschen überhaupt nicht viel Sinn für das Achtgeben auf das, was aus den Tiefen der Seele heraufkommt. Die Menschen wollen sich gerne von der Außenwelt nur beeindrucken lassen, wollen nur das aufnehmen, was Außenwelt ist; sie möchten sich am liebsten betäuben gegen das, was aus der Tiefe der Seele heraufsteigt. Aber
wenn einer in Wirklichkeit gewahr wird: Aus den Tiefen der Seele steigt etwas herauf, ein Gedanke, eine Idee -, so hält er es für seine Eingebung. Das befriedigt die Eitelkeit mehr. Wir halten ja alle Dinge, die so aus der Tiefe heraufkommen, für unsere Eingebung. Sie können das sein, aber meistens ist es nicht der Fall. Meistens sind die
Dinge, die als Eingebung aus unserer Seele heraufkommen, die Antwort, die uns die Toten geben. Denn die Toten leben durchaus mit uns.

Was also scheinbar aus Ihnen selber spricht, das ist eigentlich dasjenige, was die Toten sagen. Nur kommt es darauf an, daß wir in der richtigen Weise das Erleben deuten. Was im einzelnen gesagt werden kann für den Verkehr mit den Toten, habe ich öfter erwähnt : das Vorlesen und so weiter. Je lebendiger, je gefühlsinniger, je bildhafter namentlich man in diesen Dingen lebt, desto bedeutungsvoller wird sich der Zusammenhang mit dem Toten herstellen.

Es ist nicht bedeutungslos, daß man gerade diese Verhältnisse sich klar vor die Seele führt. Denn unsere Zeit hat es gar sehr notwendig, die Wahrheiten, die sich gerade auf solche Dinge beziehen, wie ich sie jetzt ausgesprochen habe, sich näherkommen zu lassen.

Wir leben in einer Zeit, in der seit langen Zeitaltern schon der menschliche Organismus eigentlich im Niedergang begriffen ist. Wir sind alle viel geistiger, viel weiser schon, als es – wegen des Niederganges unseres Leibes – herauskommt. Die griechischen Leiber konnten noch besser widerspiegeln, was der Mensch aus dem Geiste heraus war. Es ist eigentlich schon seit der Mitte der atlantischen Zeit der Mensch im Niedergang in bezug auf seinen Leib, und in unserem Zeitalter wird es besonders stark, daß der Leib nicht mehr das widerspiegeln kann, was der Mensch eigentlich dem Geiste nach ist. So kommt es geradezu ungemein häufig in unserem Zeitalter vor, daß wir, wenn wir sterben – ich möchte es so nennen -, noch nicht fertig sind mit unserer Entwickelung. Wenn man das nur richtig begreifen würde!

Wir entwickeln uns das ganze Leben hindurch, aber bewußt kann uns diese Entwickelung nur werden dem Teile nach, den der Körper widerspiegelt. Wir sind zuweilen als Menschen, wenn wir sterben, schon so weise – nur ist unser im Niedergang begriffener Leib nicht fähig, diese Dinge für uns selber herauszubringen -, daß wir noch sehr wichtige Dienste der Erde leisten könnten, nicht bloß dem geistigen Gebiete, sondern der Erde durch unsere Erkenntnisse große
Dienste leisten könnten, wenn man sie anwenden könnte. Diese Dienste könnten dann angewendet werden, wenn die Menschen, so wie ich es angedeutet habe, Verhältnisse zu den Toten herstellen würden. Die Toten wollen noch hereinwirken in das physische Leben, aber sie können es nur auf dem Umwege durch Menschenseelen, wenn Menschenseelen sich in der entsprechenden Weise ihnen hingeben.

Ich habe wohl schon einmal hier erwähnt, daß ich gerade über diesen Punkt auch wirklich das persönlich Naheliegende aussprechen kann: Ich habe nie geglaubt, daß ich nur literar-historisch oder historisch dasjenige auf Weltanschauungsgebieten verarbeite, was an Goethe anknüpft, sondern ich war immer der Meinung, daß ich nicht nur mit dem Goethe vom Jahre 1832 es zu tun habe, sondern mit dem Goethe vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts:
mit dem lebendigen Goethe. Mit dem Goethe, der 1832 vieles hinausgetragen hat aus der physischen Welt, was aber noch hereinwirken kann, wenn man es nur auffassen will. Daher ist das, was ich geschrieben habe, nicht bloß literarhistorische Forschung gewesen, sondern Mitteilung dessen, was er mir gesagt hat. Unsere sogenannte Zeitkultur, unsere Zeitbildung wirkt aber radikal dem entgegen, was ich jetzt eben ausgeführt habe.

Es ist eigentlich notwendig, daß Geisteswissenschaft immer ans Leben anknüpft, dem Leben fruchtbar gemacht wird. In unserer Zeit herrscht ein Ideal, möchte ich sagen, das ganz und gar dem widerstrebt, was ich eben als eine Eigentümlichkeit unserer Zeit ausgesprochen habe. Dieses Ideal kann man etwa so charakterisieren:

Die Menschen streben immer mehr und mehr dahin, an das Leben möglichst wenig zu glauben. Sie glauben eigentlich nur an das Leben bis in die Zwanzigerjahre hinein. Das zeigt sich schon in den praktischen Zielen, welche die Menschen hinstellen. Noch wenn wir nach Griechenland gehen, sieht man: Die Menschen haben daran geglaubt, daß, wenn sie älter werden, sie weiser sind, als wenn sie jung sind. Der ältere Mensch kann bessere Dinge wissen über Staats- und
Stadteinrichtungen als ein junger Mensch. Dieser Glaube ist ganz ad acta gelegt, denn das Ideal der meisten Menschen besteht heute darin, das Alter, wo man in Stadt- oder Staatsparlamente gewählt werden kann, so früh wie möglich zu setzen, weil die Menschen nurmehr bis in den Anfang der Zwanzigerjahre hinein an das Leben glauben.

Aber das Leben erfordert eigentlich gerade so recht von uns, daß wir an es als ein Ganzes glauben, daß wir an die Entwickelung des ganzen Lebens glauben. Denken Sie nur einmal, wie geändert würde unser soziales Zusammenleben durch moralische Impulse, wenn wir wiederum wüßten: Das ganze Leben läßt den Menschen in Entwickelung sein -, wie sich die Jungen zu den Alten verhalten würden, wenn dies tief eingewurzelt wäre in den Menschenseelen! Denken Sie, was es für ein anderes Bewußtsein gibt, wenn man sich immer wieder und wiederum sagt: Jetzt bin ich eben ein junger Dachs
von dreißig, fünfunddreißig Jahren, aber ich werde auch einmal älter werden, und das Alterwerden bedeutet für mich eine Hoffnung, eine Erwartung: es wird etwas herankommen, wenn ich älter werde, was nicht herankommen kann, solange ich jung bin. –

Denken Sie, mit wieviel Lebensfreudigkeit und Lebenskraft der Mensch lebt, wenn er dieses Bewußtsein durch sein ganzes Leben bis zum Tode hat und noch vor dem Tode sich sagt: Ja, ich kann gar nicht so weit kommen, alles das, was mir das Leben bietet, hineinzuspiegeln in mein Bewußtsein, ich werde etwas durch den Tod tragen; dann werden die Menschen kommen, die glauben an die Toten und lassen die Toten Mitberater sein. – Denken Sie bloß, für wie blödsinnig man
angesehen würde, wenn man dieses, was aber heute ein praktischer Grundsatz werden muß, als solches aussprechen würde.

Ich meine es ganz im Ernste, wenn ich sage: Unsere Parlamente über die ganze Erde hin würden wahrhaftig Gescheiteres ausdenken, als sie heute ausdenken, wenn die Toten mitberaten würden, wenn man heute fragen würde: Was sagen nicht nur die jungen Dachse von dreißig, fünfunddreißig Jahren dazu? -, sondern: Was sagt zum Beispiel Goethe, oder was sagen andere Tote dazu, die hundert und so und so viel Jahre alt sind? – Das ist etwas, was unmittelbar praktische
Wirklichkeit werden muß gegen die Zukunft hin.

Es gibt heute gewisse, nun, sagen wir Geheimgesellschaften; sie pflegen allerlei alte Symbole. Sie täten besser, wenn sie ihre Zeit verstehen würden und sich zu Stätten machen würden, wo erforscht wird der Ratschlag der Toten. Das ist so unendlich bedeutsam!
Denn die Menschheit kommt nicht vorwärts, wenn sie nicht mit dem Bewußtsein sich durchdringt: das Göttlich-Geistige wirkt in der Entwickelung unseres ganzen Lebens; wir sind nicht in den Zwanzigerjahren fertig.

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