Magisches Heilen

Magisches Heilen Teil 1
Seit der Mensch auf der Weltbühne erschien und sich zu entwickeln begann, war er anfällig für Leid und Krankheit. Zu allen Zeiten gab es aber auch einige wenige Zeitgenossen, die über Wissen, Fähigkeiten und besondere Kräfte verfügten, den Leidenden zu helfen. Der Glaube an die Heilkraft auserwählter Menschen, aber auch besonders geweihter Gegenstände, weist auf einen magischen Urgrund des Heilens hin. Die Medizin des noch magischen Ur-Menschen beruhte hauptsächlich auf dieser Grundlage. Heute kann eine Neugeburt magischer Heilweisen beobachtet werden, in den letzten zwei Jahrhunderten besonders als Gegenbewegung zur technisch fortschreitenden naturwissenschaftlichen Medizin und in den letzten Jahrzehnten als New-Age-Bewegung, die spirituelle Aspekte von Krankheit und Gesundheit in den Fokus rückte.
Die alten Schamanen oder Medizinmänner der Naturvölker verdankten ihre Erfolge nicht nur der sogenannten Mana-Ausstrahlung ihrer Person, sondern auch dem Vertrauen, dem unbedingten Glauben, der Offenheit und der Erwartung auf Heilung von Seiten der Kranken. In vergangenen Zeiten und entsprechenden Kulturkreisen wurde Krankheit als böser Dämon verstanden, der mit einem Beschwörungs-Zeremoniell ausgetrieben wurde. Das Abbrennen von Weihrauch, das Annehmen bestimmter Geist- und Körperhaltungen und der sogenannte Tempelschlaf waren die vorbereitenden Hilfsmittel, um eine heilende Atmosphäre zu schaffen. Die magischen Kultstätten der Vergangenheit erzielten so ihre heilenden Wirkungen. Auch die alten Mysterienstätten bedienten sich magischer Vorbereitungsrituale, um den Einzuweihenden auf seinen Weg in die Welt der Götter vorzubereiten. Nach drei Tagen holte der Zeremonienmeister die Seele des Adepten zurück in den Körper, und der Schüler verließ den Mysterientempel als neu Geborener, als Bewohner zweier Welten.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Heilkräfte hat auch das vertrauensvolle Gebet, besonders an heiligen Orten. In unserer Zeit hat Lourdes Weltberühmtheit durch seine Heilerfolge erhalten. Dabei ist immer wieder die Kraft der Massenbewegung festzustellen, die schon den Strom der Anreisenden in eine magisch-hypnotische Erwartungsstimmung versetzt. Die Massenbewegung der „neuen Gläubigen“, die auf dem Jakobsweg 800 Kilometer durch Spanien pilgern, unterliegt ebenfalls dem Phänomen des gemeinschaftlich erlebten religiösen Empfindens. Der Begriff Magie ist breit gefächert, es ist ein Aspekt der Heilung oder Bewusstwerdung, der über das Natürliche hinausgeht. Überall an den bekannten Wallfahrtsorten findet man unzählige Gedenktafeln und Votivfiguren, die von wunderbaren Heilungen berichten. Die Heilkunde der Römer zum Beispiel war nicht wesentlich materiell-medizinisch ausgerichtet. Umso wichtiger war daher die Hilfe, die Götter den Kranken geben konnten. Votivgaben sind Weihgeschenke, mit Hilfe derer man versuchte – und immer noch versucht – Gottheiten gnädig zu stimmen. Die verschiedensten Materialien wurden benutzt: Ton, Terrakotta, Bronze, Schmiedeeisen, Silber, Messingblech, Wachs. Der heilige Blasius galt als Eingeweihter für Halserkrankungen. In ländlichen Gegenden sind die Kinder vor nicht allzu langer Zeit noch mit den beiden brennenden gekreuzten Kerzen am Hals gegen Diphtherie geschützt worden. Paracelsus empfahl auch Wachsmännchen gegen Veitstanz. Viele Bauern trugen Goldplättchen im Ohr, um Augenerkrankungen abzuwehren. Magisch wirkt auch auf den heutigen Patienten der medizinische Apparat in weißglänzendem Lack mit blitzenden Chromteilen.
Zu den magischen Heilmethoden könnte man auch die Christian Science zählen. Es handelt sich dabei um eine Form des Gesundbetens, das 1866 von Mary Baker-Eddy aus einem kleinen Kreis von Anhängern zu weltweiter Berühmtheit geführt wurde. Emiles Coués Heilmethode wurde auf Autosuggestion zurückgeführt, doch auch dort war eine Gemeinschaftswirkung der Massenbewegung beteiligt, die magisch begründet ist. Coués Gesundheitssatz: „Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser“ ist ein magischer Suggestivsatz, der immaterielle Kräfte stimulieren soll. Auch Bruno Grönings Heilerfolge sind teilweise durch die geballte Glaubenskraft der Menschenmassen begründet. Gröning veranstaltete Heilsitzungen auf dem Traberhof bei Rosenheim, zu denen täglich 30 000 Menschen pilgerten. Als göttlich inspiriert ließ er dann die „Heilwelle“ über das Publikum strömen, anfangs ohne Bezahlung. Bei Gröning scheint neben der Kraft der Menschenmasse auch noch die Fähigkeit der Übertragung im Spiel gewesen zu sein. Es wurde beobachtet, wie sich Symptome von beteiligten Menschen während der Veranstaltungen übertrugen. Von homöopathischen Arzneiprüfungen in größeren Gruppen ist bekannt, dass auch einige Placebo-Prüflinge ähnliche Symptome bekommen wie die Prüflinge, die echte Arznei bekommen hatten. Grönings „besprochene“ Staniolkugeln (die Blutstropfen und Fußnagelspäne von ihm enthielten) und Feldspatkristalle waren magische Heilmittel, die aus dem intensiven Glauben an ihre Wirkung auch Heilwirkung zeigten.
Im Mittelalter war magische Heilkunst nicht nur zur Heilung von Krankheiten geschätzt, sondern auch zur Verlängerung der Lebenszeit. Die Wirkung der Sympathiemittel der „Dreckapotheke“ beruht auf merkwürdigem Analogiezauber, wie z.B. das Allheilmittel Mumia, das tatsächlich zu einem ausgedehnten Handel mit ägyptischen Mumien führte. In vielen Bauernhäusern wurde ein in Alkohol eingelegten Skorpion aufbewahrt, oder exotische Spinnen, die vor dem Altwerden und den damit verbundenen Beschwerden schützen sollten. Der Mandragorawurzel oder Alraune und der chinesischen Ginsengwurzel wurden ebenfalls Wirkungen auf ein verlängertes Leben zugesprochen.
Moderne Magiere bedienen sich auch moderner Hilfsmittel, wie Valentin Zeileis und sein Sohn Fritz G. Zeileis in Gallspach. Zeileis, schon äußerlich an einen Zauberer erinnernd, hat sein Publikum mit seinen Veranstaltungen fasziniert. Der große, abgedunkelte Massenbehandlungsraum in Gallspach war in das magische Licht Geisler’scher Fluoreszenzröhren getaucht, und er selbst hatte einen Zauberstab in der Hand, eine mit Edelgasen gefüllte Röhre, die unter den hochfrequenten Schwingungen in sonderbaren oszillierenden und irisierenden Farben aufleuchtete, mit der er seine „Diagnosen“ stellte. Am wirkungsvollsten war seine Hochfrequenzdusche, deren rotviolette Strahlen auf Kopf oder entsprechende Organe der Patienten herab strahlten und dann von der magischen Hand des Heilers abgeleitet wurden. Er hatte überraschende Erfolge mit seiner Methode durch die Kombination der Magie seiner Persönlichkeit, dem modernen technischen Ritual der Hochfrequenz und der Massensuggestion der unglaublichen Menge der Heilsuchenden. Spätere Institute konnten nie wieder an seine Erfolge anknüpfen; es fehlte der wahre „Zauberer von Gallspach.“
Der letzte große (bekannte) Magier, war der Daskalos von Zypern (1912-1995). Daskalos, mit bürgerlichem Namen Stylianos Atteshlis, war ein christlicher Heiler, der durch weißmagische Praktiken, Gebete und ganz praktische Lebensregeln vielen Menschen helfen konnte. Als gegenwartsbezogener, aufgeklärter Therapeut hat er auch deutlich den ethisch-moralischen Rahmen echten magischen Heilens abgesteckt. Heilen aus übernatürlichen Kräften ist immer eine Gabe der guten höheren Mächte und als Geschenk zu betrachten, als Gnadengeschenk. Deshalb wird der wirkliche Heiler von Gottes Gnaden niemals Geld für seinen Dienst annehmen, auch nicht als Spende. Ein Kriterium, dass auch Julian P. Johnson in seinem Buch „Der Pfad der Meister“ von den eingeweihten indischen Meistern berichtet: der wahre Guru nimmt niemals Geld für seine Dienste an den Hilfesuchenden. Sein Wesen ist es, zu dienen! Daskalos lehrte seine Schüler auch die Gefahren des christlich-magischen Weges. Immer ist die Höherentwicklung der eigenen Persönlichkeit und der Zuwachs an magischen Fähigkeiten eine Gratwanderung. Eine solide, gefestigte Seelenhaltung ist erforderlich, um nicht in selbstherrlicher Hybris auf den Weg der schwarzen, eigennützigen Magie zu geraten.
Der Mensch ist ein ambivalentes, polares Wesen, er pendelt zwischen den Polen Gut und Böse und ist schon elementar durch seine Geschlechtlichkeit gespalten. Fressen oder gefressen werden, Hammer oder Ambos, sind die existenziellen Fragen, die die menschliche Entwicklung begleiten. Lebenstrieb und Todestrieb nennt es Sigmund Freud, oder Klages Selbstbehauptung oder Selbsthingabe.
Der Begriff Magie ist mit Angst und Befürchtungen vor geheimnisvollen, bösartigen Manipulationen erheblich belastet. Schon im Altertum und später auch im Mittelalter unterschied man zwischen weißer und schwarzer Magie. Auch heute noch sind mit beiden Begriffen segensreiche Erfüllungen auf der einen Seite und fluchbeladenes Unglück auf der anderen Seite verbunden. Schwarzmagische Techniken waren bei primitiven Völkern weit verbreitet. Der holländische Ethnologe Nieuvenhuis, der als Erster die Insel Borneo durchquerte, berichtet von magischen Handlungen, bei denen durch Fernwirkung Erblindungen und Tötungen dadurch erzielt wurden, dass man kleinen Puppen unter bestimmten Beschwörungsformeln die Augen ausstach oder das Herz durchbohrte (in neuerer Zeit unterhaltsam in Tim und Struppi: Der Sonnentempel, und in Indiana Jones Teil 2 anschaulich umgesetzt). Aber auch in Europa wurden schwarzmagische Techniken angewendet. Eliphas Levi erzählt von einer mit einem Zauberspruch umwickelten Kröte, die er aus dem Bett einer englischen Prinzessin herausgeholt hatte, die an unstillbaren Blutungen litt. Eine spannende Geschichte ist aus dem Mittelalter überliefert: Ein Mann begab sich auf eine Wallfahrt nach Rom. Unterdessen zettelte seine Frau eine intime Beziehung zu einem fahrenden Schüler an, der sie dann heiraten wollte. Beide beschlossen, den Mann auf magische Art zu töten. Der junge Liebhaber formte aus sechs Pfund Wachs ein Bild des Ehemannes mit der Absicht, es mit einem Pfeil zu durchbohren. In Rom angekommen, traf der Ehemann einen hellsichtigen Prediger, der ihn warnte. Er nahm ihn mit in sein Haus, setzte ihn in eine Badewanne und gab ihm einen Spiegel in die Hand. In diesem sah er seine treulose Frau und ihren Liebhaber, der eben mit Pfeil und Bogen auf die Wachfigur anlegte. Der Seher riet ihm, jedesmal wenn der Jüngling einen Pfeil abschoss, unterzutauchen. Dreimal tauchte der Ehemann unter Wasser. Nach dem dritten Fehlschuss brach der jugendliche Liebhaber tot zusammen. Die Frau begrub ihn unter dem Haus. Nach der Rückkehr des Mannes wurde die Frau als Hexe verbrannt.
Die katholische Kirche hat die Ambivalenz zwischen weißer und schwarzer Magie geschickt für ihren eigenen Vorteil ausgenutzt. Die Inquisition hatte die Macht, jegliche Magie in Teufelsanbeterei umzumünzen, um in Ungnade gefallende, meist reiche und ihre Interessen störende Personen zu enteignen und auf den Scheiterhaufen zu schicken (auch eindrucksvoll im Film „Name der Rose“ dargestellt).
Magie, außerhalb des Heilwesens, herrscht auch in unserer modernen Zeit unvermindert. Die christliche Gesellschaft errichtet am ersten Mai (nach der Walpurgisnacht) den Maibaum, mit vielen Symbolen versehen, der einen uralten Wald- und Baumzauber für Fruchtbarkeit der Frauen und Felder darstellt. Der Weihnachtsbaum und der Osterhase verdeutlichen beide uralte magische Symbole, nämlich den Lebensbaum und das Weltenei. Beide sind auch in indischen Tempeln und peruanischen Reliefs zu finden. Im Höllenbild von Hieronymus Bosch ist das Weltenei ausgelaufen und auf den ausgetrockneten Lebensbaum aufgespießt – als Folge einer bösen Magie. Bleigießen in der Silvesternacht ist magischen Ursprungs, und wenn an die Türen der Bauernstuben am Dreikönigstag das C+M+B gemalt wird, so ist auch damit ein magisch-alchimistisches Symbol offenbart: ein Fruchtbarkeitssegen aus C gleich Conjunctio, M gleich Mater, und B gleich Pater.
Die Geschichte der christlichen Heilungen in den Evangelien ist eine Aufzählung magischer Heilungen. Kein Arzneimittel wird erwähnt, keine kausale Therapie im Sinne einer körperlichen Intervention. Erde und Speichel tauchen einmal als materielle Hilfsmittel der Heilung eines Blinden auf. Christus und auch seine Anhänger und Nachfolger schöpften ihre Heilkräfte aus übernatürlichen Bereichen. Die Fähigkeit zu Heilungen dieser Art ist nur schwer erlernbar im Sinne intellektuellen Lernens. „ Heilung und Heil erwirken können: das wurde und wird durch Einweihung dem zuteil, den die Mächte dafür aussahen. Heilkunst wipfelt, wo sie wurzelt. Wer Einweihung empfängt – Initiation – , der bekommt es mit dem Inititium, dem Anfang, dem Urbeginn, der bekommt es mit den Urphänomenen zu tun“ (Herbert Fritsche in „Die Erhöhung der Schlange“).
Nun sind die heutigen Therapeuten nicht durch jahrelange esoterische Schulungen gegangen. Solide fachliche Kenntnisse werden gefordert. Kein realistisch arbeitender Therapeut wird „Magische Praxis“ aufs Praxisschild drucken lassen. Doch bei genauerem Hinschauen entpuppen sich viele Heilmethoden als magisch, das heißt, als übernatürlich. Hochpotenz-Homöopathie entbehrt einer naturwissenschaftlichen Verifizierung, Meridiane der chinesischen Medizin hat noch kein Pathologe in menschlichen Gliedmaßen gefunden, und neo-schamanische Heilmethoden, die stark im Kommen sind, berufen sich nicht auf handfeste materielle Gesundheitsmaßnahmen, sondern möchten Naturgeister in ihre Heilbemühungen einbinden. Die therapeutisch-existenzielle Frage ist die Frage nach der therapeutischen Gesinnung. Wessen Geistes Kind ist der Heiler. Paracelsus war in bekannter Polarisierung seinerzeit ganz eindeutig: „Die Schulmedizin („Katheder-Medizin“) ist ein vom Teufel angerichteter Betrug, um den Menschen niedrig und gering zu halten.“
Therapeutisch arbeiten sollte immer auch Arbeit an der eigenen Gesundwerdung bedeuten. Wer nicht als göttlich inspirierter Heiler auftritt und täglich engagiert in seiner Praxis arbeitet, sollte dafür auch mit gutem Gewissen einen finanziellen Ausgleich erhalten. Zur Motivation des Heilberufes grundsätzlich muss sich jeder selbst Rechenschaft ablegen; aus welchen Kräften schöpfe ich meine therapeutische Schaffenskraft, welche Ideale motivieren mich, welchem höheren Marionettenspieler übergebe ich meine Fäden. Wirkliches Heilen ist auch in unserer modernen Zeit mehr als nur ein Zurückführen zum Normalzustand.
„Der metabiologische Heil-Künstler, der Iatrosoph, ist kein Gott, sondern ein aus Gottes Gegenwart heraus Genesung Bringender. Am eigenen Zopf kann nur Münchhausen sich aus dem Sumpf ziehen. Ohne Heiland, keine Heilung. Die Wiederherstellung der biologischen Norm (etwa gar als Durchschnitt definiert) ist niemals Heilung im höheren Sinne. Heilung ist Heiligung“ (Herbert Fritsche).

Klaus Binding, Gifhorn

Fortsetzung folgt

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