Was ist Heilkunst ? Und: Heilkunst und Homöopathie

Heilkunst und Homöopathie

Samuel Hahnemanns erste Auflage seines Hauptwerkes „Organon“ war noch mit dem Zusatz „rationelle Heilkunde“ untertitelt. Die weiteren Auflagen sprachen dann im Titel von Heilkunst. Was ist Heilkunst ?
Hahnemanns Homöopathie ist wie keine andere Therapieform festen, unabänderlichen Regeln unterworfen. Ein Dogmatismus, der oft genug auf Ablehnung stößt und auch schon unter praktizierenden Homöopathen viel Zerwürfnis hervorbrachte.
Die Grundprinzipien der klassischen Homöopathie sind festgelegt und bieten kaum Platz für künstlerische Ideen. Es sind Gesetze und Regeln, die das homöopathische Handeln bestimmen: das Ähnlichkeitsgesetz ( Ähnliches heilt Ähnliches), das Analogie-Gesetz (alles was draußen existiert, existiert auch im Menschen; wie oben so unten, nach Hermes Trismegistos, christlich – wie im Himmel, so auf Erden, das Gesetz der Entsprechungen), die Arzneimittelprüfung zur Erforschung der Heilwirkungen der Arzneistoffe, die Individualisierung jedes Patienten und die Potenzierung der Arzneisubstanzen ( Hahnemann nannte es Vergeistigen der Substanzen, sie werden entmaterialisiert und auf ihre Heilinformation konzentriert, d.h. Reduzierung der Materie, Erhöhung der geistigen Arzneikraft). Das sind die fünf Säulen der Homöopathie, die Grundlagen als Gesetze und Regeln.
Im Paragraph 1 des „Organon der Heilkunst“ definiert Hahnemann, worum es wirklich geht. Ziel der homöopathischen Heilkunst ist der kranke Mensch, der Hilfe benötigt. Paragraph 1: „ Des Arztes höchster und einziger Beruf ist es, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt“. Kommt der Mensch ins Spiel, entsteht freier Raum für Kunst und Kreativität.
Die Grundprinzipien der Ähnlichkeitsregel und der Individualisierung jedes Falles bieten schon bei der ersten Begegnung mit dem kranken Menschen die Gelegenheit künstlerisch zu werden. Der Patient muss in seinem Wesen und im abweichenden Zustand des Krankheitsgeschehens erkannt werden. Das betrifft die körperlichen Beschwerden, und noch mehr die seelisch-geistigen Symptome. Die Fallaufnahme oder homöopathische Erstanamnese ist die Grundlage der therapeutischen Arbeit. Der Homöopath braucht unbedingt ähnliche Symptome des Patienten entsprechend den Symptomen des Arzneimittelbildes. Ohne das klare Bild der Beschwerden, ohne ganz persönliche Symptome des Patienten kann das Heilmittel nicht gefunden und verordnet werden. Es geht um Vertrauen, um den therapeutischen Bezug. Der Patient muss wissen, dass der Therapeut alles wertfrei mit großer Anteilnahme aufnimmt, dass der Homöopath auf seiner Seite ist. Das ist therapeutische Allianz!
Es ist die Kunst des Hinhörens, des Mitfühlens und Verstehens, die den Patienten öffnet und intime Symptome ans Licht bringt.
Hahnemann beschreibt im „Organon“ in den Paragraphen 83 bis 104 die Bedingungen einer Anamnese sehr pragmatisch. Der Schlüsselparagraph ist der Paragraph 98, in dem auf die Kunst des menschlichen Einfühlungsvermögens hingewiesen wird. Hahnemann spricht von den Qualitäten des Therapeuten, die mit „ Menschenkenntnis, besonderer Umsicht, Bedenklichkeit, Behutsamkeit und Geduld“ künstlerisch, individuell angewandt, dem Patienten helfen sollen, Vertrauen zu fassen. Der Homöopath darf in keinem Fall „Guru-Status“ haben. Er darf sich sogar im Rahmen des Ähnlichkeitsgesetzes als „Mitleidender“ zu erkennen geben. „Mensch heilt Mensch“ (Paracelsus)
In seiner persönlichen Haltung kann sich der Homöopath auch ohne eigenes, reales Leiden dem Leiden seiner Patienten nähern. Bei eigenen Arzneimittelprüfungen, einem freiwilligem Abstieg ins (vorübergehende) Kranksein, wird er seinen Patienten ähnlich.
Die Führung des Patienten durch eine Anamnese mit einfühlsamer, bewusster Sprache und echter Anteilnahme kann zu einem kleinen Kunstwerk werden. Für die Erstbehandlung gilt die proportionale Anwendung von zwei Ohren und einem Mund !
Heilkunde bezieht sich auf eine therapeutische Disziplin, Heilkunst ist das Ergebnis von Intuition und Streben nach dem Geist. Heilkunst trägt die Heilkunde in sich, wie Weisheit die Steigerung von Wissen bedeutet.

Klaus Binding, Gifhorn, 2019

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